In der Hitze des Geschlechts.
Wenn es zwischen den Geschlechtern heiss zu und hergeht, dann wird die Sache brenzlig. Heftige Diskussionen erhitzen die Gemüter und den Tonfall. Und was hat das mit den Geschlechtern zu tun?
Nicht viel. Unstimmigkeiten kümmern sich selten darum, welches Geschlecht da beteiligt ist. Homo Sapiens ist die Grundlage. Punkt.
Doch lass uns von einer aktuelleren Hitze sprechen, die eventuell unterschiedliche Auswirkungen bei den Geschlechtern haben kann: Die Hitzewelle.
Europa brütet zurzeit ein riesiges Ei, das wir uns vor hundert Jahren selbst gelegt haben. Das Klima ist in der Krise? Nein, wir Menschen sind es. Das Klima leidet nicht unter den Veränderungen. Es ist immer noch einfach das Klima. Doch das überhitzte Wetter spielt die Hauptrolle zurzeit. Bis zu 42 Grad - im Schatten - sind kein Zuckerschlecken mehr. Das ist die Grenze des Fieberwahns kurz vor dem Kollaps. Also beim menschlichen Körper.
Und wie ist das nun mit den Geschlechtern mit dem Ausleben der Hitze? Leiden Frauen stärker unter der Hitze oder sind die Männer eher die Hitzeertragenden?
Nun, bei Körpern in der Hitze gibt es tatsächlich Unterschiede zwischen Mann und Frau. Männer schwitzen mehr und gerne. Die Schweissproduktion ist bei Frauen niedriger als bei Männern. Doch das macht sich erst bei sehr hoher Belastung bemerkbar. Frauen verfügen im Schnitt über ein Fünftel weniger Körpermasse, haben aber - bitte nicht einschnappen, liebe Frauen - 14% mehr Körperfett. Auch die Menge an zirkulierendem Blut ist kleiner als bei den männlichen Exemplaren. Frauen kühlen ihre Körper eher durch die Durchblutung als durch die schweissnasse Verdunstung.
Wenn die Hitze sich mit Anstrengung verbindet, dann steigt bei Frauen die Herzfrequenz stärker, die Haut wird heisser und sie werden empfindlich für Dehydration.
Aha, dann leiden einige Menschen mehr unter der Hitzeglocke, weil sie Frauen sind?
Nein. Der grössere Unterschied im Hitze-Management hat mit dem Körperbau an sich zu tun. Egal, zu welchem Geschlecht dieser gehört. Solange die Hitze erträglich, sprich moderat in der Gegend herumwabert, dann gewöhnen sich Frauen und Männer ähnlich gut an heissere Zeiten. Ein kleiner Mann und eine grosse Frau verhalten sich thermisch ähnlicher als zwei gleich grosse Menschen verschiedenen Geschlechts.
Dann gibt es also kaum geschlechtliche Unterschiede, wenn sich die Hitze breit macht? Doch, aber mit eher unerwarteten Gründen.
Im Rekordsommer 2022 starben in Europa 63 % mehr Frauen als Männer an Hitze — 35’406 gegenüber 21’667 vorzeitigen Toten. Schlagzeile meinte dazu: «Frauen sind hitzeanfälliger.»
Ach ja? Dann schauen wir doch mal genauer hin und brechen die Zahlen nach Altersgruppen auf. Die männliche Sterblichkeitsrate war bei den unter 65-Jährigen 41 % höher, bei den 65–79-Jährigen 13 % höher.
Fazit: Männer sterben eher an der Hitze!
Nein. Frauen sterben häufiger, wenn sie die Altersgruppe der über 80-Jährigen erreicht haben. Die Frauen sterben nicht häufiger, weil sie Frauen sind, sondern weil sie in dieser Gruppe viel häufiger anzutreffen sind, als die Männer.
Das erinnert mich an eine Bemerkung meines Freundes Phil Pendry. Als er die 99 Jahre Lebenszeit erreichte, meinte er lächelnd:
«Ich bin beruhigt. In meiner Altersklasse sterben nicht mehr so viele Leute.»
Männer haben viele Eigenheiten, die dem Überleben das Leben schwer machen. In der Hitze draussen zu arbeiten, mehr Risiken eingehen und weniger den Schatten suchen zum Beispiel.
Unterm heissen Strich: Ja, es gibt Unterschiede — ziemlich real, aber dennoch bescheiden und grösstenteils durch Körperbau erklärbar.
Der wichtigste Risikofaktor unter der Hitzeglocke ist nicht Mann oder Frau, sondern alt, allein, ohne Klimaanlage und mit Medikamenten, die die Hitzetoleranz senken.
Fazit: Das Altern ist lebensgefährlich, nicht das Geschlecht.
Liebe Älteren: bleibt weise UND cool, meine lieben Altersgenoss:innen. OK?



