Hoekstra non Grata
Was macht ein Diplomat eines Landes den ganzen Tag? Was ist seine Aufgabe? Diese diplomatisch trainierten Leute vertreten die Interessen des eigenen Landes. Deshalb sind sie ja diplomatisch tätig.
Im Wiener Abkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 steht im Artikel 3, was der Diplomat tun soll und tun darf. Ein herausstechender Punkt ist «freundschaftliche Beziehungen fördern». Was Artikel 3 fordert und was Hoekstra liefert, sind zwei verschiedene Welten.
Der amerikanische Botschafter heisst Pete Hoekstra. Ein Mann mit verminderter Kenntnis der Diplomatie — und einer langen Spur in zwei Ländern.
Kanadier:innen sind reizvoll, aber nicht so schnell reizbar. Ausserhalb der Eisfläche sind sie warmherzig und offen. Auf dem Eis weht ein anderer, brutaler Wind. Nun, bei Pete Hoekstra hat sich der Wind gedreht. Er soll zur Persona Non Grata erklärt und aus Kanada entfernt werden.
Leanne Walker aus Calgary hat ein Dokument geschrieben und dieses zur Petition erklärt. Bis zum Wochenende haben über einhunderttausend Kanadier:innen die Petition seit dem 21. Juli unterschrieben. Die Zahlen schwanken zwischen 105’000 bis zu 187’000 Unterschriften.
Die Abgeordnete der Grünen Partei Elizabeth May bringt das Anliegen der Persona Non Grata von Pete Hoekstra ins Parlament ein. Alle elektronischen Petitions-Rekorde Kanadas sind gebrochen. Alle. Alle bisherigen Rekorde für elektronische Petitionen in Kanada sind bereits gebrochen. Kanadische Bürger können noch bis zum 18. November die Petition unterschreiben.
Nun, was hat Pete Hoekstra, seines Zeichens der US Botschafter für Kanada gemacht, um die kanadische Bevölkerung - oder Teile davon - derart zu verärgern. Laut Elizabeth May ist Pete ungewöhnlich unhöflich und beleidigend gegenüber dem Gastland Kanada. Sie vergleicht Hoekstra mit dem ehemaligen Botschafter David Wilkins unter George W. Bush.
Hoekstra wirkt in seinen Auftritten vor der Kamera wie der betrunkene Onkel an einer Hochzeit. Beispiele? Gerne.
Als King Charles seine Thronrede in Ottawa hielt, meinte Hoekstra öffentlich: Es gebe einfachere Wege, um Mitteilungen nach Washington zu senden. Ein Botschafter, der Kanada erklärt, wie es seinen eigenen Staatschef einzusetzen habe — das ist vieles, aber nicht diplomatisch.
Im Juni 2025 meinte er, dass die Rhetorik um den 51. Bundesstaat von Kanada als Kompliment zu verstehen sei. Und so sehe es auch Mark Carney. Dann, in Halifax im Herbst 2025: Er möge die «anti-amerikanische Stimmung» nicht — und den Ruf «Elbows up» schon gar nicht. Den Ruf, mit dem Kanadier:innen ihren Widerstand gegen die USA auf die Strasse getragen hatten.
Grosspurig vermeldete Pete Hoekstra lauthals, dass der Präsident und Teile seines Teams Kanada wegen der Boykotte “mean and nasty to deal with» empfänden. B.C.-Premier David Eby konterte, die US-Führung habe “very little awareness”, wie beleidigend das wirke.
Da stellt sich die Frage - nein, kein Bein - aber welche Botschaft ein Diplomat wie Pete Hoekstra als US Staatsbürger nach Kanada trägt?
Und da wäre noch die Vorgeschichte von Botschafter Hoekstra in den Niederlanden. Da behauptete er - ebenfalls als Gast der Niederlande - es gebe sogenannte «No-Go Zones», wo Politiker verbrannt würden. Als eine niederländische Journalistin auf diese Aussage ansprach, erwiderte Pete «fake news». Und das alles auf Video gegen sein eigenes Video. Er musste zurückrudern, nicht in einer Gracht, sondern bei seinem Amtsantritt in Den Haag.
Was mich als frischgebackenen Kanadier festhält: Wenn Kanada wirklich aufwacht, wird es nicht lauter — es wird klarer. Die Rhetorik wird nicht hässlich, sondern direkt, also ohne Filter und ohne Schminke. Weder die Abgeordnete Elizabeth May noch der ehemalige Parlamentarier Charlie Angus nehmen ein Ahornblatt vor den Mund, wenn sie Pete und sein inkorrektes Benehmen beschreiben. Ihre Sprache ist direkt und klar verständlich. Sogar für Peter Hoekstra.
Nun, was wird oder kann passieren, wenn die Petition am 18. November dem Parlement vorgelegt wird? Die kanadische Regierung unter Mark Carney hat dann 45 Tage lang Zeit, um offiziell zu antworten. Im politischen Verständnis ist dies eine Stellungnahme.
Und was könnte das Resultat in Bezug auf den US Botschafter Pete Hoekstra sein?
Elizabeth May findet es unwahrscheinlich, dass der Botschafter wirklich ausgewiesen wird. Aber Mark Carney könnte die Petition als diplomatisches Druckmittel einsetzen.
Diese Petition hat bereits viel mehr bewirkt. Das Gefühl wirtschaftlicher und politischer Souveränität ist greifbarer geworden. Und die Zahl steht da: 187’000 Namen.
Einfache Bürger. Keine Regierung, kein Apparat.
Nur eine Frau aus Calgary und ein Formular.



