Ich kenne keinen Archie und ich bin dort, nicht hier. Aber ich kenne das Wort Hierarchie. Ein wahrlich grässliches Wort.
Grässlich? Für mich schon. Wieder so ein Wort mit griechischen Wurzeln, wie so viele, die uns bis heute regieren. Hierarchie gründet auf dem griechischen Wort «hieros», was soviel wie heilig bedeutet. Der Zusatz ist noch ärgerlicher, denn «archein» steht für das Herrschen als Teil der Rangordnung bei Priestern. Der entscheidende Moment in meinem damals jungen Leben als kaufmännischer Lehrling mit der Hierarchie war die Antwort auf eine meiner Warum-Fragen. «Warum? Weil ich dein Chef das sage. Punkt.» Ja, das war der Punkt, der innerlich zu nagen und äusserlich zu nerven begann. Wieso soll ich eine Anweisung befolgen, nur weil mir jemand das sagt? Ein kleines Beispiel? Als ich in der Lohnbuchhaltung meine Lehrlingserfahrung sammelte, bemerkte ich die unterschiedlichen Zahlen bei den Werkstattlehrlingen und mir, dem Büropinsel. Ich ignorierte die hierarchische Leiter und klopfte an die Direktorentüre. Im jugendlichen Schwall der Empörung beschwerte ich mich über die Ungerechtigkeit. Das Resultat war verblüffend. Mein Lohn wurde nach unten angepasst.
Revolte ist teuer.
Dasselbe Unbehagen empfand ich, wenn mein Vater mir Respektbewusstsein befehlen wollte. Ich sollte Menschen Respekt entgegenbringen, weil sie eine Position - meist eine höhere - in der Gesellschaft besetzten. Und wieder fragte ich: «Warum?» Eine besetzte Stelle ist noch keine Legitimation für Respekt, auch wenn er eingefordert wird. Oder doch? Respekt hängt am Menschen, der eine Funktion verantwortet — nicht am Titel, der sie besetzt.
Ja, Hierarchie hat einige Vorteile. Die Feuerwehr, die Polizei oder oberste Organe in politischen Sphären müssen oftmals schnell entscheiden. Und sich auf die «Untergebenen» verlassen können. Jemand muss die Anweisungen geben, der verantwortlich und dazu befähigt ist. Ist mir klar.
Eine Hierarchie und deren Beteiligten bekommen erstmal die «Macht ihres Amtes» zugesprochen. Und da beginnt oft das Dilemma, wenn die Inhaber sich in die Macht verlieben.
Gibt es Gemeinschaften, die ohne Hierarchie auskommen?
Nein. Gänzlich kann keine bekannte Gesellschaft auf das hierarchische System verzichten — aber einige haben sie radikal kleingehalten. Die Hierarchie, nicht die Menschen.
Jäger-und-Sammler-Gruppen wanderten in der Zeit, als Grundbesitz noch kein Thema war. Die !Kung (Kalahari), Hadza (Tansania) oder Mbuti (Kongo) kennen keine Häuptlinge. Entscheidungen werden diskutiert und fallen im Gespräch. Allfälliger Anspruch auf Prestige wird aktiv gebremst: Wer als Jäger prahlt, wird verspottet, damit niemand sich über die anderen stellt. Anthropologe Christopher Boehm nennt das «umgekehrte Dominanzhierarchie» — die Gruppe beherrscht den, der herrschen will.
Bei mir um die Ecke waren es die Haudenosaunee (Irokesen-Konföderation). Sechs Nationen, die ihre Entscheidungen im Konsens der Ratsfeuer fällten. Die Häuptlinge wurden von den Clanmüttern eingesetzt und allenfalls wieder abgesetzt. Alle Macht den Müttern. Es gab keine Befehlsgewalt, nur Überzeugung. Benjamin Franklin hat dieses Phänomen studiert und damit die These aufgestellt, diese hätten die US-Verfassung beeinflusst. Die These ist zwar umstritten, aber sympathisch.
Die Schweiz selbst hat mit der Landsgemeinde Talschaften ohne Adel eingerichtet. Der Bundesbrief von 1291 war eine Absage an fremde Richter und Herrscher. Das war zwar nicht hierarchielos, aber bewusst kopflos: Der Bundespräsident ist ein Jahr lang primus inter pares, und die meisten Schweizer kennen nicht mal seinen Namen. Das ist genauso gewollt.
Ein exzellentes Beispiel sehr flacher und kleiner Hierarchie erwähne ich immer wieder, wenn das Thema auf Firmenstrukturen fällt: Die Semco Group in Brasilien.
Semco war ein Maschinenbauer in São Paulo für Schiffspumpen, Industriemixer und Kühlanlagen. 1980 übernahm Ricardo Semler, 21 Jahre alt, den Betrieb von seinem Vater Antonio Curt, einem österreichischen Emigranten. Am ersten Tag entliess er rund 60 Prozent der obersten Führungsriege. Weg mit der bestehenden Hierarchie muss wohl die Idee gewesen sein. Ein paar Jahre später entschied er, dass nicht die Leute das Problem seien, sondern die Struktur. Was er dann über zwanzig Jahre abbaute, war weniger die Hierarchie als solche, sondern deren Kontrollapparat. Was blieb: kein Kontrollsystem. Punkt.
Die Stempeluhr — Arbeiter legen ihre Zeiten selbst fest, auch in der Produktion. Das Team spricht sich ab. Es gibt kein Organigramm und die Betriebsordnung ist ein zwanzigseitiges «Survival Manual» mit Cartoons. Spesenbelege werden eingereicht, aber nicht geprüft. Die Erklärung? Eine Prüfung kostet mehr, als der eigentliche Betrug. Und wo bleibt die Hierarchie? Die wird in drei konzentrische Kreise eingeteilt. Sechs «Counselors» im Zentrum, darunter «Partners» als Leiter der Geschäftseinheiten, «Coordinators» als einzige Führungsstufe darunter, und alle anderen «Associates». Wer Coordinator tätig ist, hat keinen Coordinator über sich. Und die Chefposition selbst? Der CEO-Posten rotiert alle sechs Monate unter den Counselors. Sogar Ricardo Semler hat kein Büro und keinen fixen Schreibtisch. Bei Semco rotiert alles — sogar der Chef.
Wie muss es für einen Lehrling wie mir bei Semco ergangen sein? Ein junger Mensch lernt, dass Verantwortung und Freiheit zusammengehört.
Drei Mechanismen tragen das Konstrukt. Alle Zahlen sind offen gelegt, Bilanz und Lohnlisten eingeschlossen; die Gewerkschaft schulte die Arbeiter im Bilanzlesen, damit die Offenheit auch etwas bewirkt. Die Wahl kommt von unten: Vorgesetzte werden halbjährlich anonym von ihren Mitarbeitern benotet und wer dauerhaft schlecht abschneidet, verliert die Funktion. Neue Führungskräfte werden von denen interviewt, die sie später führen sollen. Mitarbeiter schlagen ihr Gehalt vor, mit Blick auf die offenen Marktdaten und die Löhne der Kollegen — und mit dem Wissen, dass ein zu hoch angesetzter Lohn in der nächsten Krise die eigene Stelle gefährdet. Dazu kommt eine Gewinnbeteiligung von rund einem Viertel des Einheitsgewinns und ja, die Verteilung wird von der Belegschaft selbst bestimmt. Und dann das Satellitenprogramm: Wer die Selbständigkeit sucht dem werden Maschinen und ein Erstauftrag gegeben. So werden aus Mitarbeitern die Subunternehmer.
Die Zahlen sprechen für sich. Der Umsatz stieg von rund vier Millionen Dollar im 1982 auf etwa 212 Millionen im 2003. Die Belegschaft wuchs von 90 auf rund 3000 inklusive bei brasilianischer Inflation und mehreren Rezessionen. Die Semco Mitarbeiter stimmten zu, die Löhne vorübergehend zu kürzen, um Entlassungen zu vermeiden. Semco ist heute nicht mehr «nur» ein Unternehmen im Maschinenbau, sondern ein Dienstleister. Semler verlagerte sich auf Bildung — die Lumiar-Schulen — und auf das Vermarkten seiner Methode; das Semco Style Institute sitzt heute in den Niederlanden.
Zurück zur Ausgangsfrage: Hierarchie als System, Menschen zu verwalten. Oder zu beherrschen. Oder deren Beherrschung. Diese Beispiele bestätigen mir, dem ollen Hippie, dass man dem Menschen mehr zutrauen und vertrauen kann, als eine Hierarchie das vermuten lässt. Menschen können entscheiden, was gut für die Gemeinschaft ist und nicht nur für Einzelne.
Gut, habe ich diese Kurve in der Story noch erwischt.



