Hey, little sister.
Die kleine Schwester leistet sich den Widerstand. Diese Leistung dauert bereits 43 Jahre. Und jetzt bleibt die Belohnung kleben.
In Vancouver im April 1983 öffneten Jim Deva und Bruce Smyth ihren Buchladen «Little Sister’s», der Name ihrer Hauskatze. Jim und Bruce waren aus den Prärien in die grosse Stadt Vancouver gezogen, um ein Schuh- und Kleidergeschäft zu eröffnen. Doch im letzten Moment beschlossen die beiden, dass eine queere Buchhandlung im ersten Geschoss eines alten Hauses viel besser zu ihrem Lebensstil passt. Der Begriff «queer» hat damit Tür und Tor für eine lange Odyssee zwischen Buch und Zoll geöffnet.
Bereits 1985 endete der Weg einer Sendung lesbischer Magazine in der kanadischen Zollverwaltung, statt in Little Sister’s Adresse. Im Dezember 1986 beschlagnahmten die Zöllner gleich 600 Bücher und Zeitschriften, die für Little Sister’s bestimmt waren. Als Grund gab die Zollbehörde angebliche Obszönität an, um die Literatur zu behalten. Stellt sich natürlich die Frage, ob diese Aktion im Dienste des Gesetzes durchgezogen wurde. Denn dieselben Buch- und Magazin-Titel für die Mainstream Buchhandlungen überquerten die Grenze problemlos. Rund dreiviertel aller Lieferungen an Little Sister’s wurden an der kanadischen Grenze systematisch abgefangen, während Pornoliteratur für das heterosexuelle Publikum keine Grenzprobleme hatte. Falls doch, dann war höchstens der Inhalt etwas grenzwärtig.
Doch Little Sister’s turbulenter Weg war mit weiteren Unannehmlichkeiten und Dramen gepflastert. Im Dezember 1987 und Anfang 1988 fanden Bomben den Weg ins Treppenhaus der Buchhandlung. Die zweite Bombenlieferung explodierte knappe drei Meter von Jim Deva und seinem neuen Mitinhaber entfernt, während sie im Restaurant im Erdgeschoss dinnierten. Die Polizei fand verwunderlich, dass die beiden Männer überlebten.
Schlechter Dinge im queeren Buchhandel sind scheinbar deren drei. Eine dritte Bombe explodierte im Januar 1992. Erstaunlich, wie gelebte Homophobie sich gleich mit Bomben zu Wort melden muss.
Erstaunlicherweise blieben die beiden Inhaber von Little Sister’s standhaft und machten unbeirrt weiter.
Am 7. Juni 1990 war es dann genug mit den Repressalien. Deva, Smyth und die BC Civil Liberties Association deponierten eine Verfassungsklage gegen die Zollbehörde. Damit starteten sie einen langjährigen Prozess, der alle Instanzen durchlief und schlussendlich beim Obersten Gerichtshof Kanadas landete. Das Urteil? Der Zoll habe den Laden Little Sister’s gezielt diskriminiert und seine Rechte der Meinungsfreiheit verletzt.
Widerstand hat sich wieder einmal gelohnt.
Doch mit diesem zwar berechtigten und befriedigenden Urteil war es erstmal getan. Little Sister’s und ihre Besitzer hatten keine Ahnung, was am 6. Juni in diesem Jahr passieren würde. Die kanadische Post - eine staatliche Organisation wie die Zollbehörde - ehrten Little Sister’s Book and Art Emporium mit einer Briefmarke.
Das unglaubliche Abenteuer eines kleinen Buchladens in Vancouver hat Geschichte geschrieben. Das Urteil zu deren Gunsten hat bewirkt, dass die Zollbehörde erst die Obszönität von Material beweisen muss, bevor eine Sendung beschlagnahmt werden darf.
Im April 2026 wurde Little Sister’s Buchladen von einer neuen Eigentümerin übernommen.
Wenn das kein Markenschutz ist, was dann
Daniel Collins, The ArQuives: Canada’s LGBTQ2+ Archives; Images courtesy of The Pink Triangle Press; CBC Archive Sales; FOOTAGE COURTESY OF ROGERS SPORTS & MEDIA; Footage from Little Sister’s vs Big Brother courtesy of Moving Images Distribution; Richard Banner, City of Vancouver Archives



