HEUTE: Newmarket, frisch geräuchert.
Toronto ist heute nicht zu sehen. Newmarket nur verräuchert. Der Rauch hat das Kommando übernommen. Der Himmel sieht aus, als hätte ein bekiffter Farbenblinder sich an einem Gemälde vergriffen.
Die Wolken: knallgelb, leicht orange, unverhandelbar. Die Luft ist noch da, aber zum Atmen nicht empfohlen.
Na dann.
Der gelb-toxische Rauch weht aus dem Nordwesten, aus Wäldern, die die meisten Newmarketeers nie betreten haben, über Strassen, die sie nie gefahren sind, vorbei an Seen, deren Namen sie nicht kennen. Irgendwo brennt etwas sehr Grosses. Hier riecht die Luft nach Lagerfeuer ohne Anlass.
Hier herrscht schlechte Luft. Und weil sie sich ebenfalls schlecht benimmt, bleibt sie heute Nacht, möglicherweise bis Mittwoch über dem südlichen Ontario hängen. Das werden inaktive lange Tage und wer trotzdem mal raus muss - trägt besser eine N95-Maske.
Charles Reich schrieb 1970, dass Gemeinschaften in ihrer Gesamtheit immer stärker sind, weil sie sich organisieren können. Bei diesem Satz nicken bereits alle Hippies und grinsen. Er meinte das hoffnungsvoll. Vielleicht stimmt es. Ob es stimmt, merkt man, wenn die Sicht schlecht ist — wenn irgendjemand im dritten Stock hustet und die Nachbarin klopft und fragt klopft und fragt, ob man etwas braucht. Einfach so.
Gemeinschaft? Ein Blick auf ein Dorf mit grösstenteils indigener Bevölkerung ist ein Beispiel, das Hoffnung macht.
Kanaka Bar, British Columbia. Im Jahr 2021 brannte der 15 Kilometer entfernte Nachbarort Lytton vollständig ab. Der Ort bestand nur noch aus Asche und Trümmern. Kanaka Bar hatte mehr Glück, weil der Wind das Feuer in eine andere Richtung drehte. Doch die Bewohner von Kanaka Bar hatten das Glück nicht bestellt — und sich trotzdem vorbereitet. Sie hatten sich jahrelang auf die kommenden Veränderungen des Klimas vorbereitet.
Im August 2021 rückten zwei weitere Brände — das George-Road-Feuer und das Mowhokam-Creek-Feuer — bis auf vier Kilometer an Kanaka Bar heran; die Gemeinde wurde evakuiert, aber sie brannte nicht ab. Die Gemeinde hatte sich über Jahre auf den Ernstfall vorbereitet: ein eigenes Klima-Monitoring-System mit Pegelmessern an Bächen, eigenen Temperaturfühlern (einer zeigte am 29. Juni 2021 sogar 50,2 °C) und Luftqualitätssensoren — und Sprinkleranlagen, die laut Chief Michell das Risiko von Funkenflug-Stürmen fernhalten. Kanaka Bar war eine anerkannte FireSmart-Gemeinde mit eigener funktionierender Infrastruktur für Wasser, Strom und Telekommunikation.
Die Kanaka Bar Gemeinschaft brachte Industrie, Regierungsvertreter, regionale Vertretungen und Gemeindemitglieder zusammen, um Pläne für die nächsten sieben Generationen zu schmieden.
Der Kanaka Bar Community Resilience Plan wurde 2021 am Clean50 Summit in Toronto zum «Top Project of the Year» gekürt.
Der Rauch selbst organisiert sich übrigens sehr gut. Er verteilt sich gleichmässig, macht keine Ausnahmen, behandelt Einfamilienhäuser und Hochhäuser gleich, ignoriert Postleitzahlen.
Und die Welt ist gelb. Und toxisch.
Ich blicke wieder auf Kanaka Bar und lerne.



