Heimatkunde
Oh ja, die viel besungene und geschriebene Heimat und ihr Kunde. Die Kunde von der wunderschönen Welt ausserhalb der Sieben-Uhr-Morgens-Ist-Die-Welt-Noch-In-Ordnung-Periode.
Heimat ist schliesslich ein Gefühl, das weder sich nicht eindeutig definieren lässt.
Jedenfalls war es für mich für Jahrzehnte ein Begriff, den ich nicht begriff. Vor allem nicht als Gefühl, das eigentlich damit verbunden sein müsste. «Ich bin in meiner Heimat.» ist einfach nur ein Satz ohne Bodenhaftung. Der Grund könnte sein, dass ich mir juristisch meine Heimat nicht ausgesucht habe. Ich wurde per Zeugungsakt und Geburt in ein Land, ein Dorf und ein Haus domiziliert. Oh nein, gefragt hatte mich niemand, kaum lag ich in Windeln an dem definierten Ort. Warum nicht? Nun, damals kurz nach der Landung in Füllinsdorf war ich der Sprache nicht mächtig genug, um berechtigte oder unberechtigte Fragen zu stellen. Später vergass ich die ganze Angelegenheit, als die Sprache endlich verständlich wurde.
Das scheinbar wichtige Wort Heimat wurde präsenter, als Ueli und ich einen Plattenladen (Vinyl, nicht Keramik) in Muttenz eröffneten. Da hatte ich eine Vorahnung, dass Heimat als Reizwort wichtig werden könnte. Stundenlang las und hörte ich mich durch die Schlager- und Volksmusikwelt. Nein, das war kein Vergnügen, sondern Teil des Geschäftsplans. Ein Dorf wie Muttenz ist Heimat und wird diesen auch in vielen Bereichen der Kultur beanspruchen. Nein, diese Überlegungen machte ich mir da nicht mal im Ansatz. Schlager- und Volksmusik-Texte waren eher eine Vorahnung, dass ein Kunde oder eine Kundin nach einer heimatbetexteten LP fragt.
Und so kam es auch.
Die Heimat als Begriff hat mich mein Leben lang begleitet. Die Heimat als Gefühl eher weniger. Ich vermisste zwar nicht, dass das besungene Gefühl des warmen Heimatgefühls nicht wirkte. Meine Vermutung war, dass Schlager und Volksmusik sowie andere Dichter die Heimat ähnlich behandelten, wie die Liebe. Wenn sie nicht da ist, dann fehlt sie einfach, ohne wirklich konkret zu werden.
Liebe ist… wenn…
Heimat ist… wenn…
Nun, in meinen Siebzigerjahren habe ich inzwischen eine Ahnung, was es mit der Liebe auf sich hat. Doch mit der Heimat hat es bis vor zehn Jahren etwas gehapert. Langsam und schleichend verstehe ich langsam, was unter dem Überbegriff Heimat zu verstehen ist. Nein, ich bin nicht schlauer geworden. Das hätte ich bestimmt bemerkt. Denke ich. Es war eher die Entdeckung über ein bisher unbekanntes Gefühl, einen Moment, ein Wohlbefinden, das ich nicht kannte.
Daheim zu sein.
Ich bin zuhause. Ich bin Swiss-Canadian. Und ich bin angekommen.



