Grundgesetz
Bevor ein Gesetz überhaupt das Licht des Parlaments erblicken kann, muss ein Grund her. Kurz vorher musste eine Idee zur Entstehung her.
Ideen sind meist vage und nebulös in ihrer Erscheinung und werden oftmals ignoriert. Die Grundidee für ein universelles Gesetz der Menschenrechte war genauso gestrickt.
Doch diese Idee setzte sich durch. Zuerst als Rede. Dann als Auftrag. Und dann: Eleanor Roosevelt.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wird 80. Gibt es Grund zum Feiern?
Grundsätzlich: Ja. Mit Lücken.
Die Idee für ein solches Gesetz blitzte am 6. Januar 1945 auf, als Franklin D. Roosevelt vor dem Kongress seine «Four Freedoms»-Rede hielt. Die vier Pfeiler waren die Rede- und Glaubensfreiheit, die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht. Diese vier Freiheiten flossen direkt in die Präambel der späteren Erklärung ein. Doch zuerst musste die Idee sich personifizieren.
Bei der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen 1945 in San Francisco wurde in der Charta der Begriff «Menschenrechte» notiert. Doch niemand hatte eine genaue Vorstellung, was damit im Detail gemeint war. Diese Lücke sollte Eleanor Roosevelt füllen. Sie wurde in die US-Delegation berufen und dann zur Vorsitzenden der Menschenrechtskommission ernannt.
Eleanor war weder Juristin noch Philosophin. Viele sahen diesen Vorsitz eher als Übung zu einem Alibi. Doch diese Dame entwickelte sich als formidable Sitzungsleiterin und führte die Gruppe an Diplomaten wie eine Schulklasse mit Hausaufgaben. Sitzungen wurden so lange geführt, bis ein Ergebnis auf dem Tisch lag.
War Eleanor Roosevelt also die eigentliche Architektin? Nicht ganz.
Der Kanadier John Peters Humphrey war ein Jurist aus Hampton, New Brunswick. Er leitete die Menschenrechtsabteilung des UNO-Sekretariats und verfasste den allerersten Entwurf der universellen Menschenrechte. Er schrieb rund 400 Seiten, die er aus Verfassungen und Rechtstraditionen der ganzen Welt zusammentrug. Humphrey ist der weitgehend vergessene kanadische Architekt des Dokuments. Doch der gute Mann führte Tagebücher und hatte ein Archiv, die seine Leistungen Jahrzehnte später ans Tageslicht brachten.
Und dann, fast nebenbei: Kanada — das Land von Humphrey — enthielt sich im vorbereitenden Ausschuss der Stimme.
Bitte wie und warum?
Nun, die Gründe waren föderalistische Bedenken, denn die Menschenrechte waren teilweise Kompetenz der Provinzen. Zudem zeigten konservative Kreise ihr Unbehagen über das Universelle der Menschenrechte per Gesetz.
Erst im Plenum stimmte Kanada mit Ja, nachdem der Aussenminister erkannt hatte, in welch peinlicher Gesellschaft man sich bei einer Enthaltung befunden hätte.
Währenddessen, über zwei Jahre Redaktionsarbeit, zogen sich drei Konfliktlinien durch das Dokument. Die schärfste: Ost gegen West. Die damalige Sowjetunion pochte auf wirtschaftliche und soziale Rechte, also auf Arbeit, Wohnung und Bildung. Der Westen klopfte auf den Busch der bürgerlichen Freiheiten. Das Resultat: Koexistenz beider Richtungen in einem Dokument. Damals revolutionär. Heute Zankapfel.
Rechtlich bindend war die Erklärung der Menschenrechte nie. Die verbindlichen Pakte folgten erst 1966 und traten 1976 in Kraft. Aber sie wurde zum meistübersetzten Dokument der Welt und zum Referenzpunkt praktisch jeder Verfassung, die seither geschrieben wurde.
Eleanor Roosevelt selbst beantwortete 1958 die Frage, wo universelle Menschenrechte beginnen, mit: an den kleinen Orten, nahe am Zuhause — so klein, dass sie auf keiner Weltkarte zu finden sind.
Eleanor Roosevelts Antwort und Gotthelfs Satz sagen dasselbe — mit hundert Jahren Abstand. «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.»
By FDR Presidential Library & Museum - https://www.flickr.com/photos/fdrlibrary/27758131387/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82568079



