Grenzerfahrung
Fünf Männer sitzen um den runden Tisch. Die Gesichter: alle aus derselben Familie. Pokerface. Der Lauthalsige am Tisch schweigt und wartet. Wie die anderen vier auch. Keiner bietet. Keiner gibt.
Sie warten auf darauf, dass der Lautstarke nur geblufft hat.
Im Süden Kanadas sitzt ein anderer Lauthalsiger und plärrt in jedes verfügbare Mikrofon. Das Mikrofon wäre gern woanders. Er nicht. Die neuste Ankündigung enthält ganze 50 Prozent. Nein, damit ist nicht der Wahrheitsgehalt der Rede gemeint. Diese fünfzig Prozent sind Strafzölle, die auf kanadische Waren gelegt wurden. Nicht per Gesetz, nur per Dekret.
Und das ist Kanada im Jahr 2026.
Die kanadischen Unternehmen sitzen am Pokertisch und warten.
Das heisst, der Lastwagen steht bereit, die Waren sind bereits verpackt, aber der Fahrer wartet auf ein Zeichen, dass er losfahren kann.
Das Zeichen wartet ebenfalls.
Es könnte ja sein, dass die auf den 19. August datierte Drohung nur ein Bluff war. Es wäre ja nicht die erste und wahrscheinlich auch nicht die letzte leere Worthülse vom südlichen Nachbarn.
Die kanadische Exportindustrie könnte noch ein paar Tage über die Grenze fahren und ausliefern. Tut sie aber nicht. Bereits die Ankündigung lässt eine ganze Industrie scheinbar in Starre verfallen.
Ist es nicht erstaunlich, dass ein uraltes Konzept der Drohung noch immer funktioniert? Jemand spricht eine Drohung aus. Die Bedrohten erstarren.
Es braucht lediglich einen einzigen, der diese Drohung untergräbt. Ein Lastwagen, der losfährt und die Grenze überschreitet. Und handelt. Damit zeigt die Drohung, was sie war: Luft.
Drohungen kennen wir alle. In der Erziehung, im Büro, in der Politik. Ob in der Erziehung von Kindern, dem Disziplinieren der Mitarbeitenden oder dem Manipulieren der Bürger - Drohungen scheint ein probates Mittel zum Erfolg zu sein. Es ist auch eine der miesesten Möglichkeiten, um ein Ziel zu verfolgen.
Drohungen sind vielfältig und manchmal sogar einfältig. Wenn ein Gewitter droht, dann ist das eine Warnung ohne Hintergedanken. Wenn ein Menschen droht, dann sieht die Sache leicht anders aus.
Die Bedrohten werden gestresst und in Angst versetzt. Die Lösung wird in der Beipackung der Drohung sympathischerweise mitgeliefert: «Gib nach, dann hast du Ruhe.» Falls sich der Drohende in der Liga der Narzissten befindet, dann wird die Sache noch übler.
Nein, ist es nicht. Pöbelnde Drohgebärden werden mit dem Nach- oder Aufgeben niemals befriedigt. Der Hunger der Machtgierigen ist grenzenlos. Wer Nein sagt, zahlt zuerst. Das ist die Bedingung.
Wer Nein sagt und nicht nachgibt, wird dies kurzfristig und schmerzlich zu spüren bekommen. Doch der Pöbler ist verunsichert und nicht das Opfer. Das ist doch schon mal was in eine bessere Richtung.
Ein lange erprobtes Mittel in der Bekämpfung von Drohungen ist das gemeinsame Handeln. Wen sich die Bedrohten zusammentun und Rückgrat zeigen, dann wird es für die Pöbler echt ungemütlich. Wenn gewaltloser Widerstand, Boykotte, Streiks und öffentliche Proteste auf der täglichen Bildfläche auftauchen, dann bricht bei dem Drohenden die Unterstützung weg.
Nein, dieser Weg ist alles andere als perfekt. Aber er bietet zumindest die Chance, dass die Drohung weichen wird. Eine aktive, friedliche Gemeinschaft an Menschen kann viel zum Guten bewegen.
Sofern sie sich bewegt.
Wenn das keine Grenzerfahrung ist, was dann?



