Ja, ich bin einer dieser Oldies, der noch mit einem der ersten Commodore Computer ohne Harddisk rumgespielt hat. Der mit Windows, Gates, Jobs und Mac aufgewachsen ist. Google war keine Suchmaschine, sondern der Ersatz für Wort für Suchen. Das war gefühlter technischer Fortschritt der Zivilisation.
Wer hat sich nicht mit Microsoft rumgeschlagen, um ein einigermassen akzeptables Dokument abzuliefern? Wer hat den Kampf bei der Wahl eines der Betriebssysteme Windows, Apple und Linux beinahe aufgegeben? Nun, wir alle haben diese Firmen zu riesigen Tech-Unternehmen hochfinanziert. Die Tech-Kraken geraten zumindest in Europa in echte Schwierigkeiten. Die Dominanz hat Risse bekommen und das Bröckeln ist unüberhörbar.
Beginnen wir mit der Suche namens Google. Dieses Monster des emsigen Datensammelns ist bei 720 Abgeordneten und Tausenden von Assistent:innen nicht mehr die Standard-Applikation. Nein, die französische Variante heisst Qwant und wird auf den ParlamentsComputern als Standard-Suchmaschine installiert.
Goops!
Was ist denn passiert, dass das Parlament von Europa zu solch drastischen Mitteln greifen muste? Nun, ein Parlament arbeitet mit Daten, die eine sensible Seite haben: die Regierungsinformationen. Am 4. Juni veröffentlichte die EU-Kommission ihr Paket «Technologiesouveränität» – ein Name, der nach Bürokratie klingt, aber eine handfeste Drohung ist: US-Cloud-Anbieter dürfen sensible europäische Daten nicht mehr verarbeiten. Den US-Cloud-Anbietern wird verboten, sensible europäische Daten zu verarbeiten. Liest sich logisch und akzeptabel. Zudem sollen europäische Anbieter dieser digitalen Dienste bevorzugt werden. Oha.
Doch es kommt noch dicker. Die EU nimmt sich nicht nur Google ins Visier. Mit der Open-Source- Suite EuroOffice wird Microsoft ins zweite Glied katapultiert. Diese Suite kann alle bisherigen Microsoft Office Dateien lesen und verarbeiten, aber eben auf europäische Weise. Und vor allem bleiben die Daten in Europa, statt in einer US-Cloud gespeichert zu werden.
Ist da sonst noch Amerikanisches in Sachen IT, das die EU ersetzen will? Wie, Windows? Echt jetzt? Oh ja, Linux ist das neue Betriebssystem der EU-Wahl. In Frankreich wird sogar die online Konferenz von Microsoft Teams und Zoom durch die heimische Plattform Visio abgelöst.
Die Eidgenossen haben bereits ihre Regierung aktiv von Microsoft zu Schweizer Alternativen umgestellt. Wer hat’s erfunden?
Die Welle für Non-American-Products nimmt Fahrt auf. Amerika verliert an allen Ecken und Enden, was für Jahrzehnte die Norm war. Die aktuelle amerikanischen Regierung mit ihren Tech-Bro Verbündeten hat es geschafft, dass das Label «Made in America» plötzlich bitter und suspekt erscheint. Der grosse amerikanische Traum ist albträumerisch geworden.
Wir Canucks (liebevolle Bezeichnung von und für Kanadier) praktizieren freiwillig und ohne Zutun der Regierung, wie das Alternative aussieht. US Produkte bleiben in den Gestellen der Lebensmittelhändler unberührt, Alkohol aus Kentucky und anderen Bundesstaaten findet sich in den meisten Provinzen nicht mehr. Und die kanadischen Touristen in die USA sind Mangelware geworden.
Dominanz bedeutet uneingeschränkte Macht. Und das behagt nach den Freuden der Flitterwochen bei neuen Produkten selten wirklich jemandem.
Ja, der Trend zieht sich von den Angeboten Made in the USA zurück. Und der eine aktuelle Präsident der Vereinigten Plagen von Amerika haut täglich weitere Ungeheuerlichkeiten in die Welt.
Doch die Welt lässt sich nicht ewig ablenken. Irgendwann wacht auch die Vernunft aus ihrem Dornröschenschlaf auf – diesmal in Brüssel.
«Qwant mal: EuroOffice!»



