Gleich.
Gleich? Welch ein unscheinbares, fast fadenscheiniges Wort. Es wirkt kraftlos in seiner Unscheinbarkeit.
Wie sich diese sechs Buchstaben wohl gefühlt haben, als sie gemeinsam losgeschickt wurden — als Wort, das kaum einer ernst nimmt. War ‘gleich’ zur Bedeutungslosigkeit verurteilt — oder zu etwas, das Gewicht hat?
“Das ist mir gleich.”
Wie oft hörte ich diesen kurzen Satz, der nur leere oder verärgerte Blicke provozierte, wenn eine Frage damit beantwortet wurde. Doch “gleich” hat sich in den Jahrtausenden entwickelt und sich eine Position der Stärke erkämpft. Wie war das noch mit der Gleichheit der Frau? Oder “vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich.” Nein, nicht “...sind einige Menschen etwas gleicher.” Obwohl ein Blick in die Vereinigten Staaten nahelegt, dass dort gerade jemand an diesen Satz Korrekturen vornimmt.
Das fadenscheinige Wort “gleich” hat einige faszinierende Facetten. In der Hitparade der meistgenutzten Wörter: Platz 187. In Deutschland, zumindest — wo das Gleichheitsprinzip offenbar noch zählt. Zudem ist “gleich” ein sogenanntes Isogramm. Bitte was? Isogramm bezeichnet ein Wort, in dem jeder Buchstabe nur einmal vorkommt. Und alle enthaltenen Buchstaben sind gleichberechtigt.
Wieso mir das Wort “gleich” seit halb fünf Uhr morgens nicht mehr aus dem Kopf gehen will? Es dauerte ein paar Minuten, bis mir der schläfrige Schleier von den Augen bröckelte. Die derzeitigen brutalen, horrenden Störungen des Gleichgewichts des Planeten Erde sind der Grund. Denke ich zumindest. Warum das Wort mich bei der Wurzel meiner Gefühle packt, das hat mit einem verwandten Wort - gleichgültig - zu tun.
Ich und gleichgültig? Niemals!
Das hätte meine Reaktion sein sollen. Doch das war sie nicht. Die tägliche Flut an unvorstellbaren Grausamkeiten in Gaza, im Iran, auf Kuba und ja in den United States of America sind eine Spur zuviel. Ich kann die Bilder, die Texte und die menschlich dunkle Seite nicht mehr einordnen. Und was schleicht sich langsam aber sicher in meine Gedanken? Gleichgültigkeit und Abstumpfung.
Oh verdammt.
Wo hat sich meine sonst gepflegt daherkommende Empathie versteckt? Wo ist der Knopf für Empörung, für Aufstand, für das Aufstehen abgeblieben?
Wir sind doch nicht nur vor dem Gesetz alle gleich. Liegt nicht tief in uns allen der Impuls für das Gute — schon lange, bevor wir darüber nachgedacht haben?
Ich bin schockiert. Nicht von der Welt draußen — die kennt man. Sondern von mir: Kann es sein, dass mir ermordete Kinder langsam gleich werden?
NEIN. NEIN. NEIN.
Aber das schleichende Gefühl von Machtlosigkeit, von Verzweiflung und von “das wird mir zuviel” lässt sich nicht verleugnen. Ich bin überzeugt, dass es vielen von uns so geht, wenn wir auch nur einen kurzen Blick auf die Gesundheit der Welt erhaschen.
Nein, es ist mir nicht gleich.
Ja, ich will empfinden.
Ja, ich will ankämpfen.
Ja, ich will eine gerechtere Welt.
Ja, ich bin ein Träumer.
Ja, ich bin nicht der Einzige.
Aber das ausblendende Mitgefühl nagt. Das lässt sich nicht wegschreiben.
Ich will mehr Menschlichkeit.
Mehr Mitgefühl.
Mehr Mut.
Mehr Lösungen — echte.
Und zwar gleich.
Denn wir sind alle gleich.
Das ist mir nicht gleich.
Lass uns ‘gleich’ wieder ernst nehmen.
Für alle
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