Gib mir den Rest.
Freitag war entweder Fisch-Tag oder Wochenrückblick-Tag. Der Tag der Resteverwerter, an dem alles in die Pfanne gehauen wurde.
Der Kühlschrank, das Gemüsefach und die Brotkrumen hatten keine Chance, wenn Mama in voller Aktion war. Wir nannten diese Mutation an Esswaren zu einem Menu schlicht den Wochenrückblick.
Magst du Reste? Nicht nur die im Kühlschrank — sondern den Bodensatz, das Übriggebliebene, das, was keiner mehr beansprucht. Ja, ich mag die Situation, in scheinbarer Leere noch Rest zu sehen und zu nutzen. Reste sind Zeitzeugen. Aus einem Töpferscherben lässt sich eine ganze Küche rekonstruieren. Aus Resten kann die Geschichte einer Epoche herausgelesen werden.
Ja, ich mag Reste und deren Aus- und Verwertung.
Nun, meine Zuneigung zu Resten ist noch relativ neueren Datums. Früher mochte ich das Verwerten von Resten - ob beim Essen oder anderswo - nicht besonders. Ich lebte in der Zeit der Fülle von Angeboten, Produkten und Erwartungen. Das Leben in vollen Zügen geniessen war meine Devise, bis der Spass beim Reisen in wirklich vollen Zügen etwas nachliess. Und woher kam der Hang zu den Resten? Und das war keine Entscheidung. Niemand steigt freiwillig von der Fülle zum Wesentlichen um. Oder wie abzusteigen, wie manche Wohlmeinenden bemerkten. Der Umschwung war schlicht und einfach der Verlust alles Materiellen, das ich je besass. Nun, ganz alles war es nicht. Da waren noch Reste übriggeblieben. Ein grosser, unerwarteter Rest an Mitgefühl und Hoffnung verliessen nie die Szenerie. Die vermeintliche Leere füllte sich rasch mit unerwarteten Möglichkeiten im Restekorb auf. Ich glaube, dafür gibt es ein Wort: Serendipität — die Kunst, im Restposten die Chance zu sehen.
Als älterer Zeitgenosse mit Freunden in ähnlicher Altersklasse beschäftigen mich andere Bereiche, die mit Resten zu tun haben. Ja, das gesundheitliche Portfolio wird plötzlich ins Bewusstsein gerückt. Aus dem Wochen- wird ein Lebensrückblick. «Früher habe ich zehn Kilometer Joggen locker geschafft.» Ja, früher ist - hmm - Vergangenheit. Die Gegenwartet mit Restposten der Möglichkeiten aus jüngeren Tagen auf. Der Körper — aus Lust und Dollerei — beginnt Dinge anzubieten, die man nie bestellt hat: Rheuma, Gleichgewichtsprobleme, den ganzen Katalog.
Und dann, irgendwann, meldet sich der Geist — oder genauer: das Gehirn beginnt Fragen zu stellen. Begriffe wie Alzheimer und Dementia werden zum Tagesthema.
Autsch.
Und wo bleibt jetzt diese Resteverwertung, na?
Ich erinnere mich immer gerne an den kanadischen Witz: «The English drive on the left, we drive what’s left!» Die Übersetzung auf Deutsch holpert und funktioniert nicht ganz «Die Engländer fahren links. Wir (Kanadier) fahren, was übrig ist.»
Daran halte ich mich, wenn ich bei Freunden und Familie beobachte, wie sich das Licht — körperlich, geistig — langsam dimmt. Dann kommt der Restbestand ins Spiel. Der Rest an Fähigkeiten lässt sich spielerisch und freudig verwerten und vor allem wertschätzen. Ich beobachte mich ja selbst auch, welche meiner Funktionen zu schwinden beginnen.
Na dann sammel ich die Reste ein und forme, was sich formen lässt.
Nicht weil ich muss — sondern weil im Restposten manchmal das Beste wartet.



