Fremdgänger.
Wer in die Fremde geht, sieht mehr vom Leben. Sagte irgendeiner der unzähligen Volksmündigen. Ja, es braucht etwas Mut und noch mehr Kleingeld, um sich in die grosse weite Welt zu wagen.
Die Weite kennt viele Seiten, von denen der Fremdreisende erstmal keine Ahnung, aber einige Ängste hat. Solche Situationen nennt man gemeinhin Abenteuer.
Fazit: Fremdgänger sind Abenteurer.
Es ist durchaus verständlich, dass Fremde und Fremdes etwas bedrohlich wirken können. Der Urinstinkt (ein Wort, das man nicht an der falsche Stelle trennen sollte) des Homo Sapiens hat die feine Antenne für Gefahren entwickelt. Was er nicht kennt, ist ihm fremd. Und könnte bedrohlich sein. Das fand zumindest der Säbelzahntiger witzig.
Vielleicht sollte der moderne Homo Sapiens sich daran erinnern, dass dieser Tiger inklusive der Säbelzähne schon sehr lange tot, sprich ausgestorben ist. Die Angst hat das Memo nicht erhalten.
Wer sich im Fremdgehen auskennt und waghalsig in andere, sprich fremde Länder reist, wird meistens positiv überrascht. Am Strand lauern Sonnenbrand und Durst, aber weder Tiger noch anderes Getier. Wer dem Reiseziel das Fremdländische entziehen will, der informiert sich über die Geschichte, die Menschen und deren Sitten. Und plötzlich winkt das Land des Anfluges viel freundlicher.
Davon kann ich ein Lied singen, wenn mir die Allgemeinheit und die Dusche das öffentliche Singen nicht verboten hätten. Das innerlich geträllerte Lied hat unzählige Strophen und die wenigsten davon waren katastrophal. Als ich im Juli 1980 zum ersten Mal meine fünfundzwanzigjährigen Füsse auf den Boden von Montréal setzte, sah ich die Fremde hautnah. Und sie war weder befremdlich, noch unheimlich. Der erste Eindruck war «Oh, Nordamerika sieht ziemlich europäisch aus.» Meine Füsse und ich latschten über weitere Böden von Ottawa, Toronto, Calgary und … ja, das war’s eigentlich. In diesen sechsundvierzig Jahren ist jegliche Angst vor dem Fremdgehen in andere Länder verschwunden. Aus dem Fremden ist Neugier gewachsen. Und die hat sich als sehr nützlich erwiesen. Vor allem dann, wenn sich das Objekt der Neugierde zu einem Gespräch hinreissen liess. Kanadier:innen sind darin extrem bewandert, auch in kurzen Begegnungen ein Kompliment, einen Witz oder einen freundlichen Gruss zuzuwerfen.
«Canucks are a sort of kind people.»
Als Swiss-Canadian steckt die schweizerische Zurückhaltung in minimalen Dosen noch in mir. Ich bin jedesmal erstaunt-erfreut, wie frei und wie offen man sich hier in Newmarket und wahrscheinlich dem restlichen Kanada begegnet.
Gestern Abend hing ich in der Flamingo Noir Record Bar und wollte Glenn Marais and the Mojo Train hören. Die spielten open air, weil es Sonntagabend und weil es sonnig war. Ich sah einen langen leeren Tisch und setzte mich erwartungsvoll hin. Bald gesellten sich weitere Gäste zu mir. Natürlich stellten wir uns vor. «Hi, Shannon, I’m Christian.» Einfach so und so einfach.
Am Ende des Abends trennten wir uns freundschaftlich und lächelnd. Aus Fremdsitzenden wurden Freundstehende, weil der Tisch und die Offenheit frei waren.
Ich kam als Fremder und ging als Freund.



