Das war im Jahre 1930 und Hermann feierte seinen dreissigsten Geburtstag.
Als der Krieg in Europa ausbrach - ja, der Zweite Weltkrieg mit demselben Starterteam - wurden Profile erstellt. Wer ist aus welchem Land eingereist und wie genau steht es um die Einstellung zu Kanada? An sich ist es ja eine gute Sache, wenn ein Mensch ein Profil sein eigen nennt. Denn ganz ohne Profil gilt man gerne als Flachzange und als unbedeutend. Im schlimmsten Fall beides gleichzeitig – Flachzange und unbedeutend. Nun, bei Hermann Boeschenstein kristallierte sich ein Profil, das ihm zunächst zum Verhängnis wurde. Hermann Boeschenstein galt als der Mann in Kanada, dessen Herkunftsland soeben einen Krieg vom Stapel gelassen hat.
Hermann war ein angesehener Professor in seinem Wahlland Kanada. Er war prominent und erfolgreich in seinem Fach der deutschen Sprache. Zu seinem Profil gehörte auch, dass er einen starken deutsch-wirkenden Akzent mit sich trug. Auch das gehörte zur Ausstattung der Person und des Profils. Name, Sprache, Herkunft – für einige Beamte reichte das zur Beunruhigung. Der Deutsche in Toronto wurde eines Tages in seinem Haus in Toronto verhaftet. Und verhört. Die Verhörenden meinten bald, sie hätten sich verhört, als Hermann ihnen erklärte, dass er nicht Deutscher sondern Schweizer sei. Aus Stein am Rhein nämlich.
Also wurde er aus dem Internierungslager wieder freigelassen.
Soweit so Happy End in Toronto. Doch die Geschichte war noch nicht fertig erzählt. Einige Jahre später wurde Herman Boeschenstein wieder von der kanadischen Regierung kontaktiert. Diesmal aber nicht mit einem Haftbefehl, sondern mit einer Bitte. Nein, einem Einsatzbefehl. Er wurde von 1943 bis 1946 von seinem Professorenjob beurlaubt, weil er Wichtigers zu tun hatte. Sein Job war, sich um seine ursprünglichen Nachbarn im «deutschen Kanton» zu kümmern, die als Kriegsgefangene in Kanada interniert waren. Er half den Deutschen im Lager, mit Verwandten Kontakt aufzunehmen. Er brachte Bücher und setzte sich bei den Behörden für diese Menschen ein. Der verdächtigte Deutsche Boeschenstein war nun der neutrale Schweizer Boeschenstein geworden. Ganz im Sinne des schweizerischen Grundverständnisses, über das aktuell abgestimmt wird.
Hermann Boeschenstein half tausenden von deutschen Gefangenen. Er reiste in die Internierungslager in ganz Kanada und half, wo er konnte.
Der Mann, den man einst für zu deutsch hielt, wurde am Ende zum neutralsten Schweizer, den man sich denken kann.



