In Physik oder Geometrie war kaum eine Faser meines Körpers mehr wach. Zuviele Daten. Zuviel Unverständliches. Und zuwenig Spannendes.
Kann es sein, dass wissenschaftliche Informationen tief im Inneren immer langweilig sind? Oder werden sie nur spröde auf das Publikum losgelassen? Vor ein paar Jahren stiess ich auf einen Beitrag mit dem vielversprechenden Namen «The Storytelling of Science.» Das Geschichtenerzählen in der Wissenschaft ist kein Ding der Unmöglichkeit. Nein, es ist eine der faszinierendsten Möglichkeiten, um die Wissenschaft spannend, humorvoll und vor allem klar zu kommunizieren. Das zeigte sich, wenn Lawrence Krauss, Richard Dawkins, Neil deGrasse Tyson oder Bill Nye erzählten — keiner davon langweilig.
Na also, Storytelling funktioniert auch bei trockenen Themen.
Kit Lister ist ein 28-jähriger Montrealer, der zwischen Social-Media-Koordination für Klimaereignisse und einem Dokumentarfilm über Torontos Velowege pendelt. Ziemlich sicher tut er dies mit dem Velo.
«Oh je, schon wieder Dystopisches über das Klima?»
Für Kit Lister ist das keine Absage, sondern die Motivation an sich. Der junge Mann verheiratet wissenschaftliche Erkenntnisse mit Geschichten — und die Ehe hält, wie sein Publikum zeigt. Heute startet die Climate Weeks Toronto/Montreal und dauert bis zum 13. September. Und was will Kit Lister an der Climate Week erreichen?
Kit will die Menschen für die vielen Möglichkeiten beim Thema Klimawandel begeistern. Vor allem aber sollen seine Geschichten zu konkretem Handeln führen: aufs Velo steigen, eine Petition unterschreiben, den Nachbarn mitreissen. Die meisten Bürger:innen sorgen sich um den Klimawandel und wollen Massnahmen. Die Climate Weeks sollen genau das bieten: Vernetzung, Wissen und die Hoffnung, die aus gemeinsamem Handeln entsteht.
Damit ist es aber noch nicht genug. Kit Lister hat einen abendfüllenden Dokumentarfilm über die Radwege in Toronto produziert: “Cycling Toward a Cooler Toronto». Er wollte wissen, welche Wirkung Velowege tatsächlich auf Torontos Verkehr, Gesundheit, Wirtschaft, Klima und Zukunft haben.
Torontos Verkehr leidet unter der stärksten Verstopfung der Welt. Stau ist die Norm, nicht die Ausnahme. Im Stau stehen ist nicht nur verschwendete Zeit, sondern schadet der Gesundheit ernsthaft. Diese ultrafeinen Partikel kennen keine Höflichkeit: Sie drängen sich in den Blutkreislauf, als wäre er eine offene Tür. Sie schwächen das Herz, erhöhen die Häufigkeit von Demenz und erhöhen das Risiko für Hirntumore und andere Krebsarten. Und die Ironie zum Schluss: Mehr Strassenfläche für Autos löst den Stau nicht. Denn der erzeugt mehr Stau, nicht weniger. Wenn Alternativen wie geschützte, zusammenhängende Velowege im Angebot stehen, dann steigen viele lieber aufs Velo, weil sie beim Pendeln Zeit und Geld sparen.
Warum hat Kit Lister den Film gemacht?
Er will Geschichten für eine überforderte, aber engagierte Mehrheit erzählen. Er hofft, dass diese manche der vielen Lösungen für den Menschenschutz beim Klimawandel unterstützen. Der Film zeigt, wie viel besser das Leben sein kann, wenn wir Massnahmen wie Velowege im grossen Stil umsetzen. Geschützte Velowege sind erprobte Technologien, die das Leben bezahlbarer machen, die Luft reinigen, die Gesundheit verbessern, das Pendeln entspannen, den Klimawandel bekämpfen und das Leben freudvoller machen. Doch mit ein, zwei Velofahrenden ist dies nur ein Tropfen auf den viel zu heissen Stein. Gute Infrastruktur schafft die kritische Masse, die es dafür braucht. Aktivistengruppen wie Cycle Toronto arbeiten hart daran.
Und sowas geht mit gutem Storytelling?
Oh ja. Menschen wollen motiviert, nicht deprimiert werden. Die Mehrheit ist nicht träge, weil sie das Thema nicht interessiert. Sie wollen wissen, was sie in ihrem Alltag tun können. Viele kleine Aktionen sorgen schlussendlich für die grosse Wirkung.
Was ist machbar? Und was kann ich tun? Wenn solche Fragen von Kit Lister und anderen findigen Storyteller beantwortet werden.
Die Hoffnung sreckt sich und meint: «Ich bin dabei!»
Kit Lister interviewt einen Torontian für seine Dokumentation: Photo: Elex Nye.



