Erst im Juli. Dann im August.
Als akzentuierter Doppelbürger werde ich oft angesprochen. Wilde und fremde Leute sprechen gerne mit anderen wilden fremden Leuten.
Hier in Newmarket, Kanada. Wenn ich dann meinen Mund zum Sprechen öffne, dann kommt oft die Frage, wo meine Vergangenheit wohnt. Ach, die Schweiz. «Oh, ein entzückendes Land.» ist die häufigste Reaktion vieler Canucks.
Oh ja, die Schweiz ist entzückend und ist in vielen Gegenden exakt den Ansichtskarten am Bahnhofskiosk gebaut worden. Die Schweiz ist ihrem Image verpflichtet. Ich bin extrem gerne ein Bürger von zwei Ländern, die das Rote und das Weisse gut beflaggt hochhalten.
Vor genau einem Monat hielt ich eine Rückschau auf den Canada Day, also den kanadischen Nationalfeiertag. Heute am 1. August ist die zweite Rückschau fällig: Der Schweizer Nationalfeiertag. Beim eifrigen Zurückschauen haben sowohl die kanadische wie auch die schweizerische Sicht auf den Rückspiegel sehr gut abgeschnitten. Unter dem grossen dicken Strich steht ein Fazit, das für beide Sichten gilt: Ich bin dankbar.
Die Schweiz, oder präziser die Stadt Basel haben mich geprägt. Als 1955er Münze konnte ich den Spagat zwischen Historik und Rhetorik studieren und praktizieren. Der Basler Dialekt ist eine schnelle, spritzige und vor allem witzige Version vom üblichen Schweizerdeutsch. Der subtile Witz wirkt oftmals etwas britisch und hat den Basler Charme zum Unikat gemacht. Die flächenmässige Enge von Basel hat mich nie gestört, denn Basler sind Grenzgänger. Lörrach und Saint Louis sind ein Teil von Basel und nicht «das Ausland». Grenzgängerisch kam mir oftmals die Lebensweise in und um Basel vor. Und das meine ich im guten Sinne.
Ja, Basel hat mich auf Kanada vorbereitet. Und weder ich noch Basel hatten die geringste Ahnung von einem Plan über die Basler Offenheit.
Die Menschen von Newmarket haben oftmals eine leise Ahnung. «Du wirkst wie ein Kanadier, Chris.», höre ich manchmal. Das Bild ändert sich, sobald ich den Mund zum Sprechen öffne. Kanada und vor allem Newmarket haben nicht gezögert. Sie haben ihre Arme und Tore geöffnet und den alten Hippie aufgenommen.
Ohne Wenn, aber mit Akzent.
Newmarket pflegt nebst der Stadt und den Trails vor allem eines: Die Community. Also die Gemeinschaft. Langsam und täglich lerne ich über die charakteristische Lebensweise des kanadischen Selbstverständnisses. Kanadier sehen sich eher im Understatement zuhause, als im lauthalsigen «Hey, ich bin Kanadier.» Modus. Hmm, das ist auch des Baslers Motto: «Mir blöffe nid, mir liefere statt lafere.»
Habe ich bereits erwähnt, was mich täglich immer wieder einholt? Nein, kein Heimweh - ich bin ja zuhause - aber diese tiefe Dankbarkeit an die beiden Länder, die mich als Bürger mit allen Rechten und Pflichten betrachten und behandeln.
Das ist Luxus.
Ich wünsche allen meinen Freunden und noch Fremden in der Schweiz einen dankbaren, feuerwerkslosen, aber hoffnungsvollen ersten August 2026.



