Endlich
«Na endlich.» hört sich meistens etwas vorwurfsvoll an. Zumindest zwischen der kurzen Zeile liest es sich, als hätte ich getrödelt.
Endlich ist begrenzt. Nicht in der Anwendung, aber im Kern des Wortes. Endlich einschlafen heisst im Grunde, dass die Schlaflosigkeit vorbei ist. Die Möglichkeiten sind endlich. Kein Ergo, kein Ausweg — einfach: vorbei.
«Mach endlich vorwärts!»
Schluss mit dem Schlendrian, also ran an die Arbeit. Das Endliche leistet sich einen ziemlich autoritären Tonfall.
Lange Zeit hat mir der Begriff «endliches Leben» reichlich Unbehagen bereitet. In der Sturm- und Drangzeit wirkt alles unendlich. Das könnte ewig so weitergehen.
Tut es aber nicht.
Ein Gespräch mit einem Versicherungsberater liess mich ziemlich schockiert am Tisch zurück. Der Mann erzählte plötzlich von der - nein - von meiner Lebenserwartung. Erstmal: Ich kannte den Mann kaum, wieso will der also wissen, welche Erwartungen ich an mein Leben stelle? Ja, ich habe den Satz falsch verstanden. Endlich — ja, das Wort schon wieder — verstand ich, was gemeint war. Der Verkäufer für Sicherheiten erklärte mir, dass ich durchschnittlich sei. Also was die Lebenszeit anbelangt. Meinte er ziemlich selbstsicher.
Auch diese Aussage schien mir suspekt, denn der Agent wollte mir eine Lebensversicherung verkaufen. Wieso bringt der dann das Ende meines Lebens mit einer Annahme ins Spiel? Ich will doch genau mein Leben versichern, dass es nicht endlich sei.
Und diese Erkenntnis hat mich lange Zeit beschäftigt. Wann ist es soweit? Was erwartet mich nach meinem Tod? Und was versichere ich hier überhaupt? Irgendwann in den Vierzigern wurde mir klar: Die Tage sind begrenzt. Nicht als Konzept — als Tatsache. Meine Zeit als Lebender ist begrenzt und zahlenlos. Ich verlasse mich nicht auf den errechneten Durchschnitt eines Mannes, der in einer Statistik auftaucht. Wer will schon freiwillig als durchschnittlich durchgehen? Na also.
Doch mir wurde damals bewusst, wie begrenzt meine Tage sind. Wie schnell manchmal die Zeit verfliegt. Und wie noch schneller die Jugend heranwächst.
Wie fühlt es sich wohl an, wenn ich denke, dass heute oder morgen mein Leben beendet ist? Nun, ich habe diese Gedanken einige Male gespielt. War mein Leben gut? Habe ich irgendeinen Sinn gefunden, der mich entspannt zurückblicken lässt? Was will ich noch tun, bevor der Tag meiner Endlichkeit eintrifft? Oh la la, die Liste ist länger geworden, obwohl ich die Spitze des Halbkreises meines Lebenszyklus’ schon tief überschritten habe. Und ich fühle mich gut dabei. Klar, kenne ich die schmerzlichen Seiten eines über Siebzigjährigen. Steife Knochen und Sturheit des Willens gehören zum Alltag. Das stört mich nicht besonders.
Denn das Wissen um die Endlichkeit meines Lebens erscheint mir enorm wertvoll. Das Verschieben von Dingen ist in meiner Generation fahrlässig.
Was bleibt? Eindeutig all die Lebewesen, die ich in den vielen Jahren kennen gelernt habe.
Ein Privileg, das die Endlichkeit sanfter gestaltet.



