El Ement
Sind dies alles aussergewöhnliche Menschen, wenn sie sich so gut mit Dingen auskennen und auch noch überdurchschnittlich gut darin sind? Nein. Nicht zwingend.
Sie haben schlicht und einfach ihr Element gefunden und fühlen sich dort zuhause.
Andere stolpern vielleicht nie über ein Element, sprich ein Talent, das ihnen liegt. Und das in ihnen stecken könnte. Das Entdecken von Möglichkeiten, die ihnen im Blut steckt, das sie begeistert, die Zeit vergessen lässt und das sie vollends gefangen nimmt. Die wahrscheinlich eine der wenigen wirklich attraktiven Art von Gefangenschaft, nehme ich an.
Für die Besetzer von Elementen hege ich eine besondere Bewunderung. Sie leben ihr Talent und wahrscheinlich ist ihnen gar nicht bewusst, wie erfüllend ihr Leben dadurch wurde. Für sie ist das Talentiertsein keine bewusste Erkenntnis, sie sind es einfach. Ihr Element ist nun die Musik, die Malerei, das Soziale, die Rhetorik, die Politik, die Wissenschaft oder das Elternsein. Es gibt wohl kaum eine bessere Umgebung, als das passende, erfüllende Element im eigenen Dasein.
Wenn ich mir die Welt der Elemente - ausser Wasser, Luft, Feuer und Erde - betrachte, dann sehe ich ein riesiges Meer, ein Ozean an Talenten, die ich nicht habe und nie haben werde. Macht mich das betrübt oder neidisch? Nein, im Gegenteil. Ich bin überwältigt von Menschen - und anderen Tieren - die sich Tag für Tag mit Dingen beschäftigen, die sie ausfüllen. Ihre Neugier wird konsequent getriggert, um ihr Talent noch mehr auszureizen. Der Ehrgeiz, an die eigenen Grenzen zu gehen und diese zu überschreiten - Glücksgefühl garantiert all inclusive.
Darf ich kurz einen privaten Einblick aufs Tapet bringen? Mein Element ist das Schreiben. Ja, Lesen gehört auch dazu, aber die Leidenschaft liegt in den Stories, die ich selbst schreibe. Mein feuchter Jugendtraum war im ersten Schuljahr bereits deutlich sichtbar: Hermes Schreibmaschine, Tausende leerer weisser Blätter, ein Tisch unter der Trauerweide, Sicht auf den See oder das Meer und der Sound des stundenlang dauernden Hämmerns auf der Tastatur. Ich wollte Schriftsteller werden. Ich wollte Bücher schreiben, nein, ich wollte bessere Bücher schreiben, als die meiner Lieblingsautoren. Das war mein Element. Doch das wusste ich damals nicht. Und ich konnte meinen Mund nicht halten und erzählte meinen lebendigen Traum jeder und jedem, der davon hören wollte. Und das war praktisch niemand. Vielzählig sprudelten aber die Meinungen über das Schriftstellerleben und deren Chancenlosigkeit auf mich herein. Mein Umfeld wusste viel mehr und ganz genau Bescheid, was nicht funktionieren wird an meinem verinnerlichten heiligen Traum.
Oh shit.
Natürlich habe ich den Traum still und heimlich zu Grabe getragen, irgendwann meine Buchvernissage zu erleben, mein fünfzwanzigstes Buch zu signieren und mich vom Schweisse des Angesichts zu erholen.
Das war frustrierend, eine zukünftige Vision des eigenen Seins im Stich zu lassen.
Doch das war ja nur die praktische, visionäre Ansicht, was mir mein Element zu bieten vermochte. Denn ich hörte nie auf, Geschichten zu schreiben. Wieso auch? Wer gibt freiwillig Dinge auf, die Freude machen, die ausfülllen, die befriedigen und die herausfordern.
Das gilt heute genauso wie damals in der Primarschule.
Ich schreibe nicht, weil ich muss.
Ich schreibe, weil ich lebe.
Und ich schreibe, um zu Denken.
Beides Dinge, die ich ungerne aufgeben würde.
Mein Element und ich sind uns darin mehr als einig.



