Klebrige Bänder versperren den Zugang in die viereckige kartonhafte Kammer. Das Leben ist für meine Bücher, mein Geschirr und meine Unterwäsche vorbei.
Wenn Besitztum zu Besitzdumm mutiert, dann ist so ein Um- oder Wegzug die einzige Frischluftzufuhr, die noch hilft. Als anerkannter Luftibus konzentriere ich mich eher auf den freiheitlichen Passus, wenn ich meine Ansammlung an Dingen in die Hand nehme. Ja, in beide Hände manchmal. Denn da beginnt die Reise des Packens zu prickeln. Früher nutzte ich ein Motto: «Alles muss weg, was ich ein Jahr lang nicht beachtet habe.»
Ich bin Single.
Doch das Motto war schon damals beim ersten Umzug aus dem Hause meiner Eltern völlig Blödsinn. Schliesslich wurden die Klassiker an Büchern, Schallplatten und Gemälden nicht geschaffen, damit man sie nach einem Jahr des Ignorierens einfach wegwirft oder verschenkt. Schliesslich haben diese Gegenständig etwas Freude in das Leben von mir und allenfalls meiner Freunde gebracht. Wir haben uns über das Sortiment an Schallplatten und Büchern unterhalten. «Was hat denn Abba hier zu suchen, Christian?» «Was hat dich geritten? Ein Buch von Otto?» Kommentare wie diese sind immer ein guter Anlass, über geschmackliche Entgleisungen oder beeindruckende Anschaffungen zu diskutieren.
Doch damit ist es heute und morgen vorbei. Ich nehme jedes Einzelne der Gegenstände in die Hand, schalte den Filter «Mitkommen oder Weggeben?» ein und fälle dann die Entscheidung. Wer es in die Kiste schafft, der hat eine Zukunft vor sich. Also das weitere Leben mit mir. Ob das für diese Dinge ein Vorteil ist oder eine Bedrohung? Keine Ahnung, aber die Vorstellung ist reizvoll: die Vase würde vermutlich beleidigt schweigen, das Bild würde sich über die Beleuchtung im neuen Zuhause beschweren, noch bevor es dort hängt. Der Umzug wäre voller Stimmen und Stimmungen, die über den Kartons schweben.
Vor zehn Jahren war ich einer dieser Temporären im zweitgrössten Land der Welt. Nein, ich bin nicht als Rasender in Newmarket oder Toronto aufgefallen, sondern als zeitliches Provisorium. Ich war als Tourist gemeldet, der eine Ablauffrist im kanadischen Territorium hatte. Sechs Monate, dann tschüss. Oder ein OK für eine Verlängerung. Natürlich habe ich mir in den sechs touristischen Jahren des Abenteuers made in Canada fast nichts gekauft. Schliesslich war mein Koffer ziemlich unwillig, noch mehr Dinge in seinen Bauch aufzunehmen. Ein Koffer. Ein Leben. Das muss reichen. Doch dann wurde ich zum Permanenten durch die Immigratin erklärt. Ich durfte bleiben und mich niederlassen. Genau damit begann dieses schleichende seltsame Gebaren zu wirken. Wer sich niederlässt, der singt manchmal Lieder, aber er lässt sich auch gehen. Grenzen beginnen zu fallen, Widerstand bröckelt und die Türen öffnen sich für Gegenständliches.
Am 11. Februar 2022 flatterte eine Mail in mein Postfach und meldete freundlich-bestimmt: «Congratulations Mr. Christian Wehrli to become a permanent resident of Canada.» Dann hörte ich, wie in mir etwas aufatmete: der Raffer in mir, jener Typ Mensch, der Dinge zusammenträgt, bis sie ein Zuhause füllen. Also dieser Type an Menschen, die Dinge zusammenraffen und in das wohnliche Leben integrieren. Mein erster Kauf? Ein Air-Fryer. Ein riesiges klobiges Ding, das mir das Kochen erleichtern sollte.
Doch der Air-Fryer war nur der Anfang. Die eigentliche Erweiterung kam mit Papier und Druckerschwärze. Beim ersten Besuch von Indigo Chapters in Newmarket, dem Bücherladen, war ich froh, dass der Kofferraum meines Wagens gut ausgestattet war. Mit Leere. Als ich den Wagen nach ein paar Stunden wieder startete, war die Leere weg. Die Bücher haben den Mut zur Lücke besetzt.
Oh verdammt, wo ist meine Beherrschung abgeblieben?
Ab heute beginnt der brutale Vorgang, sich bei Gegenständlichem als Richter, als Vollstrecker aufzuführen. Eine Rolle, die mir nicht liegt. Dennoch - es muss sein. Ich will nicht Dinge vom einen zum anderen Platz bewegen, nur weil ich sie «besitze». Es wird ein mentales und flüssiges Disaster geben, wenn ich bei jeder Entscheidung kurz die Tränen aus den Augen wischen muss.
Es beginnt das grosse Reissen. Zuerst Dinge auseinanderreissen und trennen, dann im neuen Home Kartons aufreissen und mich wundern, das die einen oder anderen Dinge den Weg an die neue Adresse schafften. Natürlich folgt anschliessend die lange Zeit des Bedauerns und etlicher Momente der Selbstvorwürfe, warum dieses oder jenes nicht mehr da ist.
Aber da muss ich jetzt stark sein und es durchziehen.
Beim Wegziehen.



