Eindruck
Eindruck allein ist noch nicht die Welt. Ein Druck kann ein ganzes Buch sein. ...der Erziehung, der Bildung und der Vorurteile. Doch die ersten drei Sekunden bleiben als Eindruck haften.
Nicht nur im Gedächtnis, sondern als wertendes Gesamtbild. Und ohne Haftung.
Der Mann ist sympathisch.
Die Frau ebenso.
Und das wird in den ersten drei Sekunden entschieden, wie ein Mensch gewickelt oder gestaltet ist? Na sieh mal an — Speed-Dating ist ein uraltes Modell.
Wenn ich Menschen zum ersten Mal treffe, dann werfe ich innerlich die Stoppuhr an. Drei Sekunden sind eine verdammt kurze Zeit, um das Gegenüber einzuordnen. Der Eindruck driftet schnell in eine Richtung — aber bleibt er? Ja. Ein Druck. Einmal gemacht. Kaum mehr korrigierbar.
Dieser läppische Dreisekundenmoment gibt mir dann ein Bild eines Menschen? Moment Mal, das Spiel des Beeindruckens ist keine Einbahnstrasse. Das Wesen gegenüber tut genau dasselbe mit Blick auf mich. Nein, nicht bewusst. Das läuft völlig ohne Bewusstsein — Evolution auf Autopilot.
Will ich wissen wollen, welcher Eindruck in den drei Sekunden beim Gegenüber entstand?
Nein.
Schliesslich bin ich mit meinen eigenen Eindrücken genug beschäftigt. Die wollen schliesslich eingeordnet werden, um als Wertung zu gelten.
Wie, Wertung? Mein unteres oder oberes Bewusstsein bewertet einen Menschen in drei läppischen Sekunden?
Genau!
Dann will ich gerne mal wissen, womit diese knallharte Wertung gefüttert wird. Wie sieht die Faktenlage aus? Oh, ich liebe diesen kurzen Satz, wenn ich mit einer Behauptung - ja, meines Gegenübers - konfrontiert werde.
Aha, die Lage der Fakten für den Drei-Sekunden-Akt? Nun, der steht auf dünnen Beinen. Wahrscheinlich. Denn diese Beine sind die eigenen Erfahrungen aus dem bisherigen Leben, die einen Typus Mensch deklarieren werden.
Wie? Das ist alles, was das Gehirn zu bieten hat?
Ja. Scheinbar. Und blitzschnell.
Das Kennenlernen mit Wertung ist TikTok auf Ecstasy — alles gleichzeitig, Urteil nach zwei, drei Sekunden Scroll. Der Mensch tritt auf, hält irgendwie den Körper in einer bestimmten Stellung, um die entsprechende Sprache zu bilden, zeigt Gesicht, gestikuliert mit den Extremitäten. Oder eben nicht. Oh ja, dann öffnet der Mensch den Mund, sagt irgendwas und wird damit ebenfalls zum Spielball der inneren Jury.
Was hat der denn für Schuhe an? Ihre Bluse ist ganz schön bunt. Aber gepflegt.
Drei Sekunden. Und trotzdem: Schuhe. Bluse. Haltung. Wertung — um dann ein Urteil zu sprechen? Ja, aber nur intern natürlich.
In den letzten Jahren versuche ich manchmal, den Eindruck zu sezieren. Oder besser noch, auf dem Tisch der Erkenntnis auszulegen. Wieso ist mein Eindruck von Person X oder Y so und nicht anders ausgefallen?
Dann macht sich etwas breit, das mich stört. Oftmals weiss ich schlicht und einfach nicht, was zu dem inneren Urteil geführt hat. Wieso ist mir dieser Mensch so sympathisch? Und der andere nicht. Leistet die soziale Stellung eines Menschen ebenfalls einen Beitrag zum Eindruck? Wahrscheinlich, aber unfair.
Ja, ich bin voreingenommen. Und damit raus aus dem Spiel der Objektivitäten. Ich kann mich dem Eindruck nicht erwehren, erstmal einen guten - nein - einen neugierigen und gespannten Eindruck gewinnen zu wollen. Ich will ja mehr von dem Menschen erfahren, der mir in den ersten drei Sekunden über den Weg läuft oder auf die Füsse tritt. Das macht ja das Kennenlernen so ausserordentlich spannend.
Ja, ich traue dem Menschen erstmal, dass er mir was zu erzählen hat - bewusst oder unbewusst - und dass dieser kein Serienkiller ist. Bisher hat dieses Vorgehen gut funktioniert.
Ich bin noch immer hier. Und ich schreibe noch.
Ich mag Menschen sehr. Auch nach dem ersten Eindruck.



