Ich bin seit 2024 Kanadier. Ich habe diese Geschichte nicht erlebt oder mitgestaltet. Ich habe sie geerbt. Wer ein Land annimmt, nimmt auch dessen Archiv der Geschichte an.
Also lese ich. Indian Act, 1876. Ein Gesetz, das Menschen verwaltet, die schon viel länger hier waren. Das Inventar der Indigenen. Was lange währt, wird endlich Gesetz.
“Den Indianer aus dem Kind holen!»
So war das unausgesprochene Ziel in den indigenen Internaten zwischen den Zeilen zu lesen. Rund 150 000 Kinder waren davon betroffen. Die letzte Schule schliesst 1996. Ich schreibe das Jahr zweimal hin, weil ich es selbst kaum glaube.
Zum ersten Male hörte ich über diese Ungeheuerlichkeiten, als mein verstorbener Freund Phil Pendry darüber sprach. Er hat über vierzehn Dokumentarfilme mit und über die Indigenen Kanadas gedreht. Mit 97 Jahren arbeitete er an einem weiteren Projekt über eines dieser Internate. Leider hat er das Filmprojekt nicht mehr umsetzen können.
Mein Wissen ist lückenhaft und sehr begrenzt. Ich konnte niemanden aus der indigenen Gemeinschaft fragen. Deshalb sind viele Lücken in dieser Geschichte. Sie bleiben offen.
Dann passiert der Sixties Scoop.
Indigene Kinder, vor allem First Nations und Inuit, wurden aus ihren Familien gerissen und in nicht-indigene Pflege- oder Adoptivfamilien versetzt. Die Kinder verloren nicht nur ihre indigene Sprache, sondern auch ihre Kultur und ihre Identität. Der Scoop, also dieses Programm, soll zwischen 1965 und 1984 durchgeführt worden sein.
Ottawa verkündete eine Einigung über 800 Millionen Dollar, davon 750 Millionen für Einzelne und 50 Millionen für Versöhnungsinitiativen. In der Ontario-Sammelklage ging es um rund 16 000 Kinder. Ich konnte keine Angaben finden, wie viele Kinder in allen anderen Provinzen betroffen waren. Übrigens ist mit «Scoop» das «Einsammeln» eben dieser Kinder gemeint.
Beim Lesen über den Nationalen Wahrheits- und Versöhnungstag erinnerten mich die Geschichten an die Schweiz mit einem ähnlichen Muster. Die Verdingkinder, sprich die Kinder der Landstrasse.
Hat die Schweiz eigentlich einen nationalen Tag der Wahrheit und Versöhnung oder kommt der noch?
Aus dem ehemaligen Schweizer von damals wird eine aktueller Kanadier von heute, der die dunklen Geschichte beider Länder verstehen will.
Der ehemalige Premierminier Harper entschuldigte sich im Jahr 2008. Der Papst schloss sich 2022 an. Warum der Papst? Nun, bei den Internaten handelte es sich um katholisch geführte Schulen.
Zwei Daten, vierzehn Jahre dazwischen. Was davon zu aktuellen Taten wurden, zähle ich nicht auf. Ich weiss es selbst nicht genau.
Orange ist das neue Erinnern. Heute ist der 30. September. Und viele tragen das orangene Hemd für das Erinnern. Für die Wahrheit. Und für die Versöhnung.
Das Hemd in Orange passt nicht mehr.
Nicht weil es zu klein ist.
Weil ich hineinwachsen will und muss.



