Mit «penus» war die Vorratskammer des Hauses gemeint und wer diese penetriert, ist genau dort eingedrungen. Und hat sich wahrscheinlich an den Vorräten genüsslich bedient.
Moment, das Wort ist nicht nur negativ und kulinarisch unterwegs. Ganz im Gegenteil. Wem ein «penetranter Verstand» angeheftet wurde, der galt als besonders scharfsinnig. Diese lobhudelige Bezeichnung hielt nicht lange vor — irgendwann fand man Scharfsinn wohl auch anstrengend.
Penetrant machte sich über viele Attribute her, die bis anhin unangetastet waren. Wer einen penetranten Geruch sein eigen nennt, hat ein köperlich-pflegerisches Manko zu beklagen. Die Umstehenden leiden darunter noch mehr.
Der mit der penetranten Stimme hat wahrscheinlich eher Mühe, neue Freunde anzusprechen. Die Ohren leiden unter dem vokalen Ausstoss viel zu sehr, denn laute Aufdringlichkeit gilt selten als gute Eigenschaft.
Aus dem ursprünglichen, variantenreichen, eher positiven Wort Penetranz ist nur noch der negative und unangenehme Teil übriggeblieben.
Und doch: Vielleicht hat die Penetranz mehr Gesichter, als der Sprachgebrauch zugibt. Ist es nicht Zielstrebigkeit, wenn jemand penetrant eine Karriere verfolgt und sie dann sogar bekommt? Jemand, der nicht aufgibt und sich nicht kleinlaut davonschleicht, wenn der erste Anlauf eines Versuches nicht klappt.
Wer penetrant auf Menschenrechte pocht. Wer penetrant faschistisches Gedankengut ablehnt. Wer penetrant die Gemeinschaft mitzieht, wenn sie müde wird. Das ist keine Untugend, das ist Rückgrat.
Sind das nicht eher positive Seiten der Penetranz?
Was ist mit dem Wort in den zweitausend und mehr Jahren passiert, dass die offensichtliche Aussage bei Penetrantigen immer ins Negative verfällt?
Ach, es kommt wohl ganz auf die Situation an. Zugegeben, das hat was. Wer schon mal einem Verkäufer mit Penetranz-Diplom nicht entkommen ist, weiss, wie lang fünf Minuten an der Haustür sein können. Hartnäckigkeit wird dann weniger als Tugend empfunden.
Wenn penetrantes Auftreten mit aufdringlich oder zudringlich angewandt wird, dann wird dies vor allem für die weibliche Seite der Homo Sapienser unangenehm oder gefährlich.
Und doch — das Wort selbst kann nichts dafür. Ein Begriff ist nur das Transportmittel vom Mund zum Verstand. Wie mit jedem Werkzeug kommt es ganz auf den Benutzer an, wie die Auswirkungen beim Verwenden desselbigen ausfallen.
Aber immerhin funktioniert dies in penetranter Weise.
Und ich gehe jetzt mal penetrant den Weg in einen frischen, brandneuen Tag.



