«Wer schreit, verliert» ist auch einer dieser Volkssprüche, die manchmal sogar als Weisheit durchgehen mögen. Nun, wenn sich in einer Diskussionsrunde oder einfach nur in einem Gespräch jemand zum Lautwerden entscheidet, dann gilt dies als Schreien. Der Schrei nach Aufmerksamkeit oder zum Übertönen der Gegenseite.
So weit so laut.
Vor langer Zeit habe ich mich entschlossen, dem Schreien ein «b» dazwischen zu schieben. Jetzt widme ich mich dem Schreiben. Punkt.
«Und plötzlich war da Stille»
Schreien hat durchaus ein berechtigtes Anliegen, um eine Message zu verbreiten. Doch die Stille ist oftmals mächtiger, als ein Schrei je erreichen könnte.
Einen Moment des gehaltvollen mächtigen Schweigens erlebte ich am 24. März 2018. Die Bewegung «Enough is Enough» rief Proteste in den USA auf den Plan, nachdem wieder ein Amokläufer an einer Schule in Parkland, Florida, siebzehn Menschen das Leben nahm.
Emma Gonzalez war eine der Überlebenden. Sie stand vor Tausenden von Menschen in Washington, DC, und las die Namen der Getöteten vor.
Dann schwieg Emma.
Das Schweigen wurde immer mächtiger und intensiver. Anfangs ertönten Rufe aus der Menge, doch dann übernahm die Stille das Ruder. Ein Bild statt eine Behauptung: „Man hörte Atmen, Rascheln, irgendwo ein Schluchzen. Sonst nichts. Sechs Minuten lang.“
Der ganze Auftritt von Emma dauerte exakt 6 Minuten und 20 Sekunden.
Das war die Zeitspanne, die der Attentäter brauchte, um siebzehn Menschenleben auszulöschen.
«Munch hat’s gewusst»
Edvard Munch, der Maler, hat den Schrei auf ein ebenfalls machtvolles Podest der Kunst gestellt. Sein Gemälde «Der Schrei» zeigt einen Mann mit weit geöffnetem Mund, der sich die Ohren zuhält.
Ich dachte immer, dass dieser Mensch in die Natur schreit. Doch scheinbar kam der Schrei von der Natur selbst für einen Mann, der ihn aushalten muss.
Mit der heutigen Sicht auf den Zustand der Natur, also unserer Mitwelt, gewinnt Munchs Schrei noch mehr Bedeutung.
Gibt es eine Hitparade für den Schrei?
Das weiss ich nicht. Ich habe mir selbst eine gebastelt.
Der Schrei nach Liebe klingt eher verzweifelt, denn aggressiv. Wem schon einmal die Liebe entzogen wurde, der kennt die schreienden Nachwirkungen.
Der Schrei nach Aufmerksamkeit ist lauter und kommt mit etwas aggressiv über die Lippen. Wenn niemand zuhört, dann muss es laut werden. Denkt zumindest der Volksmund. Das mag für den Beginn stimmen, aber wer zuviel ins Publikum schreit, der verliert. Die Leute mögen es nicht, ständig angeschrieen zu werden.
Das sagt nicht der Volksmund, sondern meiner.
Der Schrei nach Gerechtigkeit und gegen Unrecht kommt mit Gepäck.
Zivilcourage und persönlicher Mut gehören dazu, um für mehr Gerechtigkeit aufzustehen. So leichtfertig sich das schreibt, das Risiko dieser Aufrechten ist nicht klein, wenn Autokraten und Diktatoren am Hebel der Macht drehen.
Die können diese Art des Schreiens überhaupt nicht ausstehen.
Der Schrei nach Luft sorgt nicht für bessere Atmung, aber für bessere Laune.
Wenn der innere Druck zu mächtig wird, dann will der Körper und der daran hängende Mensch mit einem Schrei den Überdruck loswerden.
Das wissen vor allem die Männer, die alleine in den Wald schreien und sich gleichzeitig fragen, ob sie laut der Frau immer noch unrecht haben.
Den Schrei verstehe ich – jedenfalls, wenn er aus Verzweiflung kommt.
Was ich hingegen nicht ausstehen kann, sind die Lauthalsigen in Diskussionen.
Wer den Gegner mit Lautstärke übertönen muss, statt mit Argumenten, der wirkt bereits verdächtig.
Noch schlimmer wird es, wenn in TV-Debatten beide Seiten lautstark palavern und der Zuschauer, also ich, kein Wort verstehen kann.
Weder auf Englisch noch auf Deutsch.
Wie machen sich Kanadier bemerkbar?
Oftmals mit eingesetztem Euphemismus. «That’s interesting» steht für «Das ist unmöglich». «Not bad» ist pure Begeisterung. Aber «Could be better» ist Alarmstufe Rot. «Sorry» ist weniger eine Bitte um Verzeihung denn ein Ausrufezeichen mit Manieren. Kanadier machen sich Luft und schreiben einen Brief an die Redaktion der Lokalzeitung, höflich und mit vollständigem Namen.
Wie machen sich Schweizer bemerkbar?
Sie jodeln.
Nein, tun sie nicht. Oder nur ein paar Wenige. Doch die Schweizer Zurückhaltung bei lautem Reden ist kein genetischer Defekt, sondern stammt eher aus einer Grundhaltung. Der Schweizer und die Schweizerin frönen eher dem Grummeln.
Das Motto heisst deshalb «Wilhelm Tell It To The People» und nicht «Yell It To The People».



