«Morgen muss ich wieder in den Stollen.»
Was kann in zweitausend Wochen eines Berufslebens alles geschaffen, geändert und erledigt werden? Wieviele zufriedene Mitarbeiter sehen mit leichtem Stolz und Zufriedenheit auf das zurück, das sie in ihrem Leben in und für die Wirtschaft geleistet haben? Die meisten Pensionierten, so die Vermutung, blicken zufrieden zurück. Doch daneben stehen sehr viele, für die der Beruf zur Zeitverschwendung wurde. Da sind jedoch sehr viele Menschen mit einem Job, die ihre Arbeit als sinnlos, unproduktiv oder gar als schädlich bezeichnen. Diesem Phänomen ist ein Historiker in den Niederlanden auf die Spur gekommen: Rutger Bregman.
Ein Holländer sieht rot!
Rutger Bregman war 2019 nach Davos zum Panel über Ungleichheit eingeladen worden. In der Nacht vor seinem Vortrag schrieb er seine Rede vollkommen um. Sein Satz über Ungleichheit im Steuerwesen ging um die Welt: «It feels like I’m at a firefighters conference and no one’s allowed to speak about water.» (Es fühlt sich an wie an einer Feuerwehr-Konferenz an der niemand über Wasser reden darf.) Er rief die anwesenden Milliardäre auf, ihren fairen Anteil an Steuern zu bezahlen. Anschliessend schrieb Bregman sein nächstes Buch mit dem Titel «Moral Ambition». Sämtliche Einnahmen des Buches verschenkte er an die Schule für moralische Ambitionen.
Eine Schule für Moral oder Ambitionen? Es macht Sinn, wenn Historiker sich oftmals ärgern, wenn sie mit ansehen müssen, wie sich die Geschichte, also die Historie, vor allem mit den dunklen Seiten wiederholt. So wird die Geschichte der Menschheit in manchem Bereichen zum Handbuch. Was Rutger Bregman ärgert ist nicht die Gier, sondern das Fehlen von Fantasie. Also die Langweile von Menschen, die ein Leben lang in einem Beruf Dinge tun, die keinen Sinn machen. Wahrscheinlich war dies die treibende Kraft, in Amsterdam eine Schulel für moralische Ambitionen zu gründen. So wurde aus dem Buch ein Haus. Die Schule mit ihren Student:innen hat während tausend Stunden Recherche dreissig grosse Probleme definiert und am Ende zwei Sieger benannt: die Tabakindustrie und die Proteinwende, sprich Umdenken in der Ernährung.
Rutger Bregman hat in seinen eigenen Ambitionen eine Ahnenreihe im Kopf, die von Sklavereigegnern, Suffragetten zu Bürgerrechtlern reicht. Also Menschen, die für etwas kämpften, das sie selbst nie erlebten. Die einen Kampf führen, dessen Ausgang sie nie erleben werden. Das erinnert an sein früheres Buch über das grundlegend Gute im Menschen.
Wer sticht da mehr, die Ambition oder die Moral?
Die Bewegung um die Schule der moralischen Ambition will Hebel ansetzen. Mit Leuten, die ihre tägliche Beschäftigung als sinnvoll und nützlich für die Gesellschaft sehen wollen. Das Universitätsprogramm über Moralische Ambition hat gleich in den Elitenschulen von Harvard und Princeton begonnen. Was haben sich Bregman und sein Team wohl dabei gedacht? Liegen dort die Pipelines zu McKinsey, auf die man abbiegt? Oder ist es einfach ein Zirkelschluss: Die gesuchten Besten sitzen bereits genau dort, wo man ohnehin schon war.
Apropos: Ich war in der Schweiz und bin jetzt in Kanada zuhause. Und da meldet sich die Frage: Gibt es hier wie dort schon die sogenannten Circles von Bregmans Schule?
Das Global Tax Fairness Fellowship vermittelt seine Teilnehmenden an Organisationen in den USA, Kanada, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Kenia. Dort arbeiten sie an globaler Steuerpolitik und an der Frage, wie sich Vermögen konzentriert — Seite an Seite mit Fachleuten wie dem Ökonomen Gabriel Zucman.
Nun, die moralische Ambition als solches wurde weder von Bregman noch in Amsterdam erfunden. Weltweit sind Menschen ambitioniert, um Veränderungen in der Politik und in der Gesellschaft voranzutreiben. Freiwillige ohne Stipendium tun genau dies in Vereinen, Bibliotheken und in der lokalen Politik.
Der gute Streber ist nicht der Holländer.
Der gute Streber ist einer von Millionen Freiwilliger.
Nur hat der noch kein Buch darüber geschrieben.



