Demokratie - du nervst!
Die Schweiz hat mich akzeptiert, als ich noch ein Baby war. Und weil ich als Baby in der Schweiz geboren wurde. Kanada hat mich akzeptiert, als ich ein älterer Mann war.
Weil ich es wollte — und weil Kanada das gelten lässt.
Danke, Kanada. Happy Canada Day.
Als junger Schweizer vor einer ungeheuer langen Zeit fand ich dieses graue, unscheinbare Verwaltungscouvert in meinem Briefkasten. Und das fand ich enorm nervig. «Was wollen die jetzt schon wieder von mir?» Gefühlte hundert Mal. Irgendeine Initiative. Irgendwelche Kandidaten — mit und ohne Charakter.
In der Schweiz stimmt das Volk über alles ab. Über Kampfjets. Über Kuhhörner. Über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Viermal im Jahr flattert das Abstimmungscouvert ins Haus. Ich stöhnte. Ich füllte es aus. Ich schickte es zurück. Welch ein umständliches, langsames, herrlich stures Verfahren! Das Gute daran? Schweizer Stimmbürger — auch die im Ausland — werden nach ihrer Meinung, sprich ihrer Stimme gefragt. Wie sympathisch ist das denn?
Ich habe dieses Verfahren jahrzehntelang als nervig betrachtet.
Heute freue ich mich jedes Mal über das Couvert. Die Schweiz fragt mich noch immer — von jenseits des Atlantik.
Langsam und bedächtig.
Build, baby, build
Hier in meiner gewählten Heimat Kanada hat das Regieren unter Premierminister Mark Carney ein neues Tempo gewonnen. Grossprojekte — Minen, Häfen, Pipelines, Nuklearanlagen — sollen künftig innert eines Jahres bewilligt sein. Ein Jahr. Der Vorschlag geht noch weiter: Das Kabinett segnet ab — und danach erst wird geprüft, ob es der Umwelt schadet, ob die Menschen vor Ort einverstanden sind. Und dieser Prozess läuft, während die Bagger bereits graben.
Natürlich sind Kanadier aufgerufen, ihre Bedenken und Fragen der Regierung zu melden. Soweit so demokratisch. Doch das soll innert dreissig Tagen geschehen. In der Schweiz reicht das nicht einmal, um das Abstimmungscouvert zu suchen.
Es gibt einen Namen für diese rasante Methode des Regierens. «Flooding the zone» — die Zone fluten. Man ändert nicht das eine Gesetz, gegen das sich Widerstand formieren könnte. Man ändert fünfzig auf einmal. Eine halbe Billion fürs Militär hier, einige Änderungen am Arbeitsrecht dort, Flughäfen stehen zur Disposition, das Streikrecht hängt auf dem Prüfstand — und ehe die Bürger sich zum ersten Thema eine Meinung gebildet haben, sind drei weitere durch.
Ich bin überfordert, mir überhaupt noch einen Überblick zu verschaffen. Wer ertrinkt, protestiert nicht. Nicht ich. Nicht wir. Man schnappt einfach nach Luft.
Vielleicht ist das die Strategie.
Und bevor jemand die üblichen politischen Lager aufmarschieren lässt: Das grosse Beschleunigungsgesetz vom letzten Sommer haben Regierung und Opposition gemeinsam durchgewunken. Die einen wollten schnell bauen, die anderen schneller. Als ein Senator beantragte, die ausdrückliche Zustimmung der First Nations ins Gesetz zu schreiben, wurde dies abgelehnt. Quer durch die Bänke.
Das ist keine Geschichte von Links gegen Rechts. Es ist eine Geschichte von schnell gegen bedächtig. Und bedächtig hat keine Lobby.
Ich bin kein Freund der Aktenordner. Ich bin ein Freund der respektierten Bürger in einer funktionierenden Demokratie.
Als Sechzigjähriger bin ich nach Kanada gekommen, weil mich die Offenheit dieses fantastischen Landes, die Freundlichkeit der Kanadier empfangen hat — nicht mit Papierkram. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Verfahren, das schikaniert, und einem, das dem Menschen erlaubt, in Ruhe Nein zu sagen.
Und ja — ich bin stolz auf Team Canada. Auf die Standfestigkeit. Über die neuen Märkte und Verbindungen. Über die Nähe zu den EU Staaten. Über den Respekt, der Canada in der Welt erreicht hat.
Und ich bin extrem dankbar, als kanadischer Staatsbürger zu leben.
Vielleicht sollte ich die Unkenrufe für mich behalten. Mich auf die Dankbarkeit beschränken. — Nein.
Kanada ist das Land und die Menschen, mit denen ich leben will. Mit denen ich eine Gemeinschaft teile. Und in eben dieser Gemeinschaft darf ich meine Ansichten äussern. Genauso, wie es in einer Demokratie gesetzlich garantiert ist. Und das ist ein schützenswertes Privileg.
Ich verstehe, dass Krisen Tempo verlangen. Dass Politiker liefern müssen, nicht nur beraten. Und unser Premierminister Mark Carney hat gezeigt, wie dies in der Praxis funktioniert. Aber Demokratie hängt daran, ob die Bürger an Projekt Kanada beteiligt sind. Ob sie mitreden können. ob sie nein sagen dürfen. Laut. Langsam. Auch wenn’s nervt.
Ich wünsche mir und meinen kanadischen Mitbürger:innen an diesem herrlichen, heissen Canada Day genau das:
Auf dass die Demokratie immer wieder nervt.



