Das Klima ist schuld.
Wer vom Klima spricht, meint nicht das Wetter. Das Wetter ist die Momentaufnahme - oder Voraussage - wie sich des Wetter’s Lage zeigen wird.
Ein Gewitter, ein Wutausbruch, eine böse Schlagzeile, ein toxischer Satz - das ist Wetter. Wer hingegen vom Klima spricht, redet von wetterhaften Ereignissen als Durchschnitt über eine lange Zeit. Eine einzelne Beleidigung ist Wetter. Zehn Jahre kleine Sticheleien sind Klima. Niemand „macht” ein Klima an einem Nachmittag — es lagert sich ab, wie Moos oder Schimmel.
Wer hat’s erfunden?
Der Begriff „Klima» also. Das Klima ist griechisch-wörtlich genommen die Neigung — also der Winkel, in dem sich die Erdoberfläche zur Sonne verneigt. Über die Jahrtausende hat sich der Begriff «Klima» nicht nur im Verständnis sondern auch in der Ausweitung gewandelt. Das Klima selbst hätte sich nie träumen lassen, dass es aus dem rein meteorologischen Gebiet in die Wirtschaft überschwappt. Wer vom Betriebsklima spricht, meint die Mitarbeitenden und die gefühlte Arbeitswelt. Wer sich um das Investitionsklima oder das Konsumklima Gedanken macht, wird eher den längerfristigen Durchschnitt des Geldtransfers meinen. Einige Ökonomen meinen sogar, mit dem «Geschäftsklima-Index» Stimmungen in Zahlen packen zu können. Ob das stimmt, ist selbst eine Frage des Klimas.
Und wie geht es dem Klima im privaten Bereich? Läuft es bestens im Gespräch über Gott und die Welt, dann ist das Gesprächsklima in Ordnung. Herrscht ein Klima des Vertrauens unter Freunden und Familie, dann ist keine Schieflage in Sicht. Wenn sich ein Klima der Liebe über die Jahrzehnte entwickelt hat, dann schmelzen die Alltagsprobleme in kleine, lösbare Portionen.
Wie entsteht Klima eigentlich?
Erstaunlicherweise ähneln sich die Faktoren beim Entstehen von Klima in der meteorologischen wie in der menschlichen Szenerie. Falls alles Gute von oben kommt, dann ist die Sonne wohl der erste Chef, den wir je hatten. Das gilt für eine Geschäftsführung, die Eltern oder die Lehrer, die bekanntlich als Vorbilder angesehen werden. Oder werden wollen. Strömungen beeinflussen das Wetter und langfristig das Klima. Trends sind der Golfstrom in der Gesellschaft, denn was zirkuliert, macht sich bemerkbar. Laut oder leise. Warm oder kalt. Emotional oder sachlich.
Das Klima in der ureigensten Form ist lediglich das Ergebnis vieler Ereignisse und passt in die Formel
Klima = Summe allen Wetters ÷ 30 Jahre
Soweit sieht die offizielle Formel beim Berechnen des Klimas aus. Ich mag an sich keine Formeln, aber diese macht Sinn. Sogar für mich. Also: Wenn das funktioniert — warum nicht für das menschliche Klima?
K = (T + S + G) × W ÷ V
T = Der Ton von oben, also die leise oder laute Sonneneinstrahlung von Chefs, Eltern und Politikern.
S = Summe der kleinen Gesten, also geäusserte Nettigkeiten, spontane Hilfe und ehrliche Komplimente
G = Gerüchte, die kursieren. Was geflüstert wird, trägt kein Absender — und trotzdem verändert es die Temperatur.
W = Wiederholung ist der entscheidende Multiplikator — nichts wird zum Klima ohne Wiederholung. Einmal ist Wetter. Hundertmal ist Klima.
V = Vertrauen ist der Nenner, der für das Abwettern sorgt. Je grösser das Vertrauen, desto kleiner die Wirkung des Sturms
Ich habe keine Ahnung, ob dies wirklich eine brauchbare Formel ist. Doch die Idee gefällt mir, dass der Mensch, also du und ich, in jeder Variablen vorkommen. Wir können die Ereignisse beeinflussen oder gestalten und dann hoffen, dass das Klima menschlich verträglich und nicht nur durchschnittlich rauskommt.
Ach jetzt hab ich’s in der Kurzform begriffen:
Menschliches Klima = Wetter × Wiederholung ÷ Vertrauen.
Das Klima ist unschuldig.



