Der Finger zeigt zwar nicht, aber deutet ein klares «Wehe, du ignorierst mich!» an.
Das Wort «privat» war einmal strikte Anweisungen, sich nicht in diese so deklarierte Sphäre einzumischen oder gar einzudringen. Ich erinnere mich noch deutlich an die ersten staatlichen Bürgerbefragungen. Der Zettel mit den Fragen war relativ harmlos. Wie viele Personen wohnen in dem Haus XY? zum Beispiel. Doch der Aufschrei in der Öffentlichkeit war riesengross. Die erste eidgenössische Volkszählung ging im Jahr 1850 über die Bühne und fragte lediglich nach Name, Alter, Geschlecht, Zivilstand, Beruf und Konfession, also zu welcher Glaubensgruppe man gehört. Einfach gestrickte Umfrage also.
Hundert Jahre und ein paar Kriege später kamen die Sozialen Medien um die Ecke, und machten das Private zur öffentlichen Angelegenheit. Das Showbusiness für die Schausteller:innen des privaten Lebens boomte. Oder tut es noch immer. Denn die Likes am eigenen Onlineprofil wurden wichtiger, als die früher stark geschützte Privatsphäre. Aus einer Normalität wie «Das ist privat hier!» wurde der Marktplatz der Eitelkeiten. Man stellt sich zur Schau und hofft auf Zustimmung. Was gestern noch als Voyeurismus galt, ist heute öffentlich auf Instagram, TikTok und Facebook zu betrachten. Für immer.
Privat ist kostbar. Und kostspielig.
Früher war privates Eigentum eine einfache Geschichte: ein Haus, ein Auto, eine Familie und ein Status. Das hat sich drastisch geändert. Heute wird geteilt und gestreamt, als würde es morgen verboten. Aus dem ursprünglichen Sinn des Teilens von Empathie, Essen und Wohlstand ist das Teilen des Privaten geworden. Der Fachbegriff dazu heisst „Subscription Economy“ — wir besitzen nichts mehr, wir mieten unser Leben zurück, monatlich kündbar.
Die Schallplattensammlung hat keine Bedeutung mehr. Wir mieten Musik, Filme und Bücher. Wir kaufen keine Software, wir abonnieren sie. In dieser digitalisierten Welt bedeutet Privatbesitz nicht mehr nur materieller Wohlstand. Nein, das geschützte Private, das uns vor der totalen Abhängigkeit von digitalen Plattformen schützt, ist die neue Währung.
Wer vor Jahrzehnten noch nach Feierabend nachhause ging, sich in den Sessel fallen liess und mit der Familie Zeit verbrachte, der wurde in dieser Zeit von der Firma nicht mehr belästigt. Doch heute tragen wir das Büro in der Hosentasche und sind dauernd auf Empfang. Die permanente Erreichbarkeit ist im Kopf, nicht im Arbeitsvertrag festgelegt.
Mein Handy ist zwar betriebsbereit, aber still, ganz ohne lästiges Vibrieren. Ich habe das Ding als Meister meiner Zeit abgewählt. Die vergeht bekanntlich wie im Fluge, ergo ist mein Handy auf Flugmodus geschaltet. Permanente Inszenierung lässt sich gut verweigern.
Das wahre Privatleben findet heute dort statt, wo keine Kamera läuft und kein Status-Update geteilt wird.
Daten sind das echte Gold inklusive Rauschzustand. Der berühmte Markt ist hungrig nach Informationen über uns, die User. Meistens liefern wir unser Innerstes freiwillig ab — Quittung für die Aufmerksamkeit, die wir dafür bekommen. Private Diskretion ist zur wertvollsten Währung geworden. Motto: Meine Daten gehören mir! Wir entscheiden, was die Welt wissen soll und darf und was nicht.
Das ist gut für Würde und Souveränität unserer privaten Welt?
Oh, danke sehr.



