Mit Brutto ist der gesamte Wert aller produzierten Güter gemeint. Inland, also alles, was innerhalb der Landesgrenzen hergestellt wird. Produkt meint den Wert aller fertigen Waren und Dienstleistungen. Das ist mit dem Kürzel BIP gemeint.
Genf schaut auf Halifax
Am 7. Mai dieses Jahres legte eine Expertengruppe der Vereinten Nationen einen Bericht darüber vor, wie die Welt Fortschritt künftig messen soll. Vierzehn Fachleute, darunter ein Nobelpreisträger. Einunddreissig Indikatoren. Ein Kapitel darin sucht nach Beispielen dafür, wie aus einer Kennzahl tatsächlich Handeln wird — nicht Absicht, nicht Absichtserklärung, Handeln.
Genannt werden das britische Finanzministerium. Schottland. Italien. Schweden. Ecuador.
Und Nova Scotia.
Nicht Kanada als Ganzes an dieser Stelle, sondern eine Provinz mit rund einer Million Menschen am Nordatlantik, deren grösste Stadt kleiner ist als Basel. Eine Million Menschen, eine Stadt kleiner als Basel — und trotzdem auf der Liste neben Schweden und Italien.
Wenn uns etwas kostbar ist
Dahinter steht eine gemeinnützige Organisation in Halifax mit dem denkbar unbescheidensten Namen: Engage Nova Scotia. Das ist weder eine Behörde, noch ein Ministerium und schon gar kein Amt für irgendetwas. Lediglich ein Zusammenschluss aus Verwaltung, Wirtschaft, Hochschulen und Freiwilligensektor, die die Köpfe zusammengesteckt haben.
Ihr Leitsatz, sinngemäss: Wenn uns etwas kostbar ist, sollten wir es auch messen, ohne vermessen zu wirken.
Ein Satz, über den man stolpern soll. Denn er dreht die übliche Reihenfolge um. Normalerweise messen wir zuerst und finden dann heraus, dass uns das Gemessene wichtig ist — das Bruttoinlandprodukt hat neunzig Jahre lang genau so funktioniert. Hier stand die Zuneigung am Anfang und das Zählen kam hinterher.
Zweihundertdreissig Fragen im Mai
Im Jahr 2018 erschien der Index auf der Bildfläche. Einundzwanzig Jahre Daten, sechzig Indikatoren, acht Bereiche und völlig trockene Vorarbeit.
Ein Jahr später kam die Erhebung selbst. Fast dreizehntausend Menschen beantworteten zweihundertdreissig Fragen. Das sind über dreihunderttausend Datenpunkte und damit der grösste Wohlergehens-Datensatz seiner Art in Kanada.
Methodenpartner war der Canadian Index of Wellbeing an der University of Waterloo, der seit 2011 misst, wie es den Menschen in diesem Land geht. Aber getragen wurde die Sache anders. Mehr als hundertfünfzig Freiwillige aus den Gemeinden bildeten neun regionale Leitungsteams, luden zu öffentlichen Zusammenkünften und legten selbst fest, worauf es ankommt.
Hundertfünfzig Leute. Neun Teams. Kein Auftrag von oben.
Die sechs unbequemen Felder
Und was wollten sie wissen? Die Zusatzauswertung nennt sechs Schwerpunkte: soziale Isolation. Zugehörigkeitsgefühl. Vertrauen. Diskriminierungserfahrung. Armut. Gesundheit.
Nun halte man daneben, was derselbe UN-Bericht 2026 über den Rest der Welt einräumt. Ob Menschen mit ihrem letzten Behördengang zufrieden waren, weiss die Weltgemeinschaft für achtzehn Prozent der Länder. Ob sie sich nachts allein durch ihr Quartier trauen: sechsundzwanzig Prozent. Daten über Vertrauen und Einsamkeit werden vorläufig bei einer amerikanischen Privatfirma eingekauft.
Nova Scotia hatte diese Zahlen 2019. Aus eigener Kraft. Für sich selbst.
Wem die Antworten gehören
Ein Detail, das mich nicht mehr loslässt.
Die Antworten indigener Teilnehmenden fliessen nicht in die Berichte und Auswertungen von Engage Nova Scotia oder des Forschungsinstituts ein. Sie werden dem Datengouvernanz-Team der Union of Nova Scotia Mi’kmaq übergeben. Dort wird entschieden, was mit ihnen geschieht.
Das ist keine übersehbare Fussnote im Kleingedruckten. Das ist die Absage an eine sehr alte europäische Gewohnheit — hinzugehen, zu vermessen, mitzunehmen und daheim auszuwerten. Wer die Zahlen hält, hält die Deutung. Hier in Nova Scotia hält sie jemand anders.
Ich bin in einem Land aufgewachsen, das die Vermessung zur Nationaltugend erhoben hat. Grundbuch, Katasterplan, Volkszählung. Alles erfasst, alles verzeichnet, alles sauber. Auf die Idee, dass die Vermessenen über ihre eigenen Zahlen bestimmen könnten, ist dabei niemand gekommen.
Und dann kam eine Pandemie dazwischen
Seit Anfang dieses Jahres läuft die zweite Runde. Die erste seit 2019 — dazwischen lag eine Pandemie, die vieles beschädigt hat, was diese Fragen erst sichtbar machen können.
Genau darin liegt der Wert. Zwei Aufnahmen desselben Ortes, sechs Jahre auseinander, dieselben Fragen. Man wird sehen, was die Pandemie in den Leben der Menschen beschädigt hat und was davon zu reparieren wäre. Vorsitzende des Vorstands ist eine ehemalige stellvertretende Amtsärztin der Provinz. Sie fragt nicht, welche Zahlen man erheben könnte. Sie fragt, welche Fragen es hier braucht und wie man sie stellen muss, damit die Antworten etwas bedeuten.
Das ist der ganze Unterschied zwischen Statistik und Neugier.
Der Umweg über Genf
Bleibt die Frage, warum ein Bericht der Vereinten Nationen nötig war, damit ich das erfahre.
Sieben Jahre lang sass diese Erhebung in Halifax. Zweitausend Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt, im selben Land, in derselben Sprache. Und ich lese davon zum ersten Mal in einem Dokument, das in New York veröffentlicht wurde und die Welt als Ganzes meint.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre. Nicht, dass die grossen Institutionen zu langsam wären — das sind sie ohnehin. Sondern dass das Brauchbare meistens schon irgendwo liegt, in einer Provinz, in einer Gemeinde, in einer Strasse, und dass niemand hinsieht, bis eine ferne Autorität mit dem Finger daraufzeigt.
Man müsste es nicht erfinden. Man müsste es zählen.
Und dazu braucht es, wie sich in Nova Scotia gezeigt hat, keine vierzehn Professoren. Es braucht hundertfünfzig Leute, die finden, dass es die Sache wert ist.
Was zählt, zählt nicht von selbst.
Es muss jemand hingehen und es tun.



