Es hat etwas gedauert, bis ich die unzähligen Varianten entdeckte, wie Geschichten erzählt werden. Das alte Bild der Nomaden, die sich am Lagerfeuer Stories überliefern ist prominent. Und sie stimmt nach wie vor. Mit oder ohne Lagerfeuer oder Nomaden. Und trotzdem ist das Feld kaum angekratzt: Jeder Kopf empfängt Geschichten anders, erkennt sie anders.
Als Liebhaber von Büchern und Musik schwirrten mir Kästner und Tucholsky und später Steinbeck und Twain durch meinen Kopf. Nach der üblichen Episode von Beatles und Stones habe ich Leute wie Mississippi John Hurt und Muddy Waters entdeckt. Der Blues ist reines Storytelling für Herz und Hirn. Nach den zwölf Takten erkannte ich eher schleichend, was diese Bluesmusiker zu erzählen hatten. Mit englischen Filmen und ebenfalls englischer Musik habe ich mir eher schlecht als recht die Angelsächsische Sprache beigebracht. Die Schule hatte gar nicht erst angeboten, mir das Englische näher zu bringen.
Ergo haben Schallplatten und Bücher meine Liebe zum Geschichtenerzählen immer wieder angefeuert. Gemälde und Fotografien empfand ich lange nicht als geschichtsvermittelnd. Es waren einfach Bilder mit Szenen, Köpfen, Landschaften oder Gebäuden ohne tiefere Geschichtserfahrung.
Falsch.
Bilder haben eine unglaubliche Eigenschaft, im Gehirn - dem grossen oder kleinen - Assoziationen auszulösen. Und diese haben es in sich. Gemälde und Fotos lösten Gefühle aus, die ich so gar nicht erwartet hätte. Ja, Tränen und Ekstase waren auch beteiligt. Der traditionelle Spruch «Ein Bild sagt mehr als tausend Worte» hingegen leuchtet mir in dieser Absolutheit überhaupt nicht ein.
Die ersten Kunstausstellungen in lokalen Galerien in Muttenz und Basel empfand ich oftmals als etwas Gruseliges. Nein, nicht die Kunstobjekte selbst, sondern die Besucher:innen an der Vernissage. Ich hörte heimlich oder offensichtlich den Kommentaren oder den Reden zu, die über die Objekte der Ausstellung sprachen. Den grössten Anteil meine Verblüfftheit waren Gedanken wir «Häh?» «Was?» und «Warum?» Nein, mit den Vermutungen, was der Künstler uns mit seinem Objekt sagen will, kam ich selten klar. Erst nach und nach konnte ich mich in ein Gemälde oder eine Skulptur hineinfallen lassen. Mir war egal, ob und was ein Künstler sich beim Schaffen erdachte hatte - meine Gedanken waren die Treiber. Und dann sah ich plötzlich - nein, schleichend - die Geschichten auftauchen. Schemenhaft oder kristallklar tauchten die Stories auf. Und meine Begeisterung für die Kunst an sich bahnte sich ihren Weg.
Tanz und Tänzer sind als Kombination mit Musik und Licht eine der stärksten Eindrücke, die eine Bühne zu bieten hat. Es sind nicht einfach Körper, die eine Melodie in Bewegung umsetzen. Es ist die Melodie plus die Tänzer, die eine Geschichte erzählen. Ohne Worte. Aber mit Ausdruck. Ich besuchte oft Tanzschulen in New York City, die mit Ballett und Jazztanz die ambitionierten Tänzer:innen drillten. In einem der Studios war eine Tanzlehrerin und eine Tänzerin mit einer Choreographie beschäftigt. Ich sah und hörte, wie die beiden die Tanzbewegungen umsetzen wollten. Und dann sah ich sie: Die Geschichte, die zu Bewegungen mutiert und immer mächtiger wird.
Storytelling ist mehr als Worte am Lagerfeuer. Es steckt in jedem Pinselstrich, jedem Takt, jedem Schritt auf der Bühne. Und sie erzählen Geschichten in allen möglichen und unmöglichen Formen, die Kunst anzubieten hat.
Und da beginnt der Homo Sapiens zu leuchten.



