Big little drummer girl.
Rush. Rush hour? Nein, Rush ist eine der bekanntesten Rockbands Kanadas. Der Schlagzeuger Neil Peart gilt als einer der besten Drummer überhaupt.
Und der Sänger und Bassist heisst Geddy Lee, ein Mann aus Newmarket, Ontario, Kanada.
Wer den Bandnamen Rush hört, denkt sofort an Neil Peart.
Neil war von 1974 bis zum Ende der Band Schlagzeuger und Texter von Rush — und für viele schlicht der beste Rock-Drummer seiner Generation. Drei Dinge machten ihn zu einem der aussergewöhnlichsten Drummer. Neil war eher ein Architekt, der eine technische Struktur in jeden Song einbaute. Peart spielte das Schlagzeug nicht als Rhythmusfundament, sondern als kompositorisches Instrument. Seine Parts waren durchkomponiert — jede Tom-Figur, jeder Glockenschlag, jedes ungerade Taktmass - 7/8, 13/8 und ständiger Wechsel - hatte seinen Platz. «Tom Sawyer», «YYZ» oder «La Villa Strangiato» sind im Grunde Schlagzeug-Partituren. Das riesige Drumset mit Röhrenglocken, Tempelblocks, Glockenspiel und später elektronischen Pads war kein Angeber-Aufbau, sondern eine Klangpalette — er dachte melodisch, in Tonfarben.
Der Perfektionist, der nie fertig war.
Neil Peart schrieb fast alle Rush-Texte — philosophisch, literarisch, von Science-Fiction über Individualismus bis zu sehr persönlichen Stücken nach dem Tod seiner Tochter und seiner ersten Frau Ende der Neunziger. Ein Drummer, der gleichzeitig der intellektuelle Kopf der Band war: eine seltene Kombination. Er starb im Januar 2020 mit 67 an einem Hirntumor.
Und nun Anika Nilles, das deutsche Drummer-Talent.
Der Vergleich ist tagesaktuell geworden: Rush hat am 7. Juni 2026 im Kia Forum in Los Angeles die «Fifty Something»-Reunion-Tour eröffnet — das erste komplette Konzert seit fast elf Jahren und das erste mit Nilles am Schlagzeug. Doch zuerst ein wichtiger Hinweis: Anika Nilles ist keine Peart-Kopie, sondern eine eigenständige Grösse. Die deutsche Schlagzeugerin und Komponistin startete ihre Karriere in den frühen 2010ern auf YouTube und hat zwei eigene Alben mit ihrer Band Nevell veröffentlicht. Ihre Musik ist Fusion-geprägt, also komplexe Polyrhythmik, Linear Drumming, Ghost Notes. Technisch spielt sie in einer Liga, in der der Vergleich mit Peart überhaupt erst sinnvoll ist. Geddy Lee kannte sie von Jeff Becks letzter Tour 2022 und nannte sie schon 2023 «terrific».
Anika Nilles kommt eher aus einer groove- und fusionorientierten Welt. Ihr erster Ausflug in die Welt des Rock und Pop war schlicht Toto. Sie selbst hob in einem Interview Pearts energetisches Spiel und seinen melodischen Ansatz mit der grossen Bandbreite an Klangfarben hervor — Dinge, in denen sie sich wiederfindet. Genau da liegt die Verwandtschaft: Beide denken in Tönen, nicht nur in Schlägen.
Dennoch war es ein extrem mutiger Schritt von Anika, den Platz von Neil Peart am Drumset im Praxistest am 7. Juni 2026 einzunehmen.
Fan Aufnahmen des kompletten Eröffnungskonzerts zeigt, dass sie praktisch jede Eigenheit von Pearts hochgradig idiosynkratischem Spiel trifft — Fans und Kritiker waren sich nach der Premiere einig: «She killed it!»
Anika spielt mit einer Freude und Leidenschaft, die Geddy Lee immer wieder zu einem breiten Lachen verleiten.
Peart bleibt unersetzbar — als Texter sowieso, und als jemand, der den Sound der Band über 40 Jahre mitkomponiert hat. Anika Nilles ersetzt Neil nicht, sie interpretiert ihn — mit eigener Autorität und offenbar mit dem Respekt, den die Aufgabe verlangt.
Anika hat sich zugetraut, dass sie die Legende von Neil Peart respektvoll weiterträgt. Und sie hat mehr als nur bestanden.



