Alter Besessenwisser!
Beim Begriff «besessen sein» erinnere ich mich an diese seltsamen Gute Nacht Geschichten, die mein Vater mir und meiner Schwester mit grossem Eifer vorlas. Aus der Gute-Nacht-Geschichte wurde eine Albtraum-Story. Dieses kleine Büchlein enthielt viele «wahre» Ereignisse, die unter die Kategorie Okkultismus fallen. Weder meine Schwester noch mir haben diese Stories gefallen. Ich fühlte mich immer zwischen den zwei Stühlen von Faszination und Grauen.
Na dann, gute Nacht.
In einige dieser Stories wurde die Besessenheit von Menschen erzählt. Nein, nicht von Drogen oder anderen schädlichen Dingen, sondern von einem bösen Geist oder dem Belzebub persönlich. Und was hilft gegen diese Art des Besessenseins? Ach ja, ein Exorzist muss her. Ist das überhaupt eine geltende Berufsbezeichnung oder nur eine Erfindung findiger Geschäftsleute? Nun, das Problem bei Berufsgattungen wie dieser ist die klare Faktenlage, die für eine Diagnose herhalten soll. Wer ist der böse Geist? Woher stammt dieser? Welche Fähigkeiten hat der denn? Aus der Diagnose wird dann die Therapie. Klingt logisch. Nur: niemand hat je den Geist am Telefon gehabt, um ihn zu fragen.
Faktisch und praktisch.
Die mehr praktische Seite der Besessenheit ist das Suchtverhalten. Nicht das «Wer lange Sucht, wird eher fündig». Das beträfe eher die wissenschaftlichen Forscher. Die Sucht nach Stimulanz, Akzeptanz und anderen Obsessionen ist nichts, das ich meinen Freunden leichtfertig empfehlen würde. Wobei, es gibt Besessene, die durchaus legitim und legal ihren Weg der angewandten Obsession marschieren. Künstler, Sportler und Wissenschaftler, die sich einer Idee verschrieben haben. Diese Besessenen widmen ihre gesamte Zeit und Aufmerksamkeit auf das Objekt ihrer Begierde. Ein Kunstwerk erschaffen. Auf dem Siegerpodest der Olympischen Spiele stehen. Das Mittel gegen Krebs finden. Gilt diese Besessenheit als Krankheitsfall oder als extreme Lust, ein Ziel zu erreichen? Wahrscheinlich sind die Grenzen fliessend. Niemand hat je eine Linie gezogen zwischen Wahnsinn und Nobelpreis.
Und da wäre noch diese seltsame Art von Besessenheit, die in extremem Reichtum endet. Sind das etwa die wirklich armen Kreaturen, die sich über das Anhäufen von Geld und Macht definieren müssen? Irgendwas muss auf dem Lebensweg dieser Besessenen schiefgelaufen sein. Es ist schwer vorstellbar, dass diese Streber nach Reichtum eine mehr oder weniger gesunde normale Jugend verbringen konnten. Waren diese Menschen nicht zu sehr mit dem Scheffeln und Dealen beschäftigt, um sich den wichtigen Dingen unseres meist kurzen Lebens zu widmen?
Ich weiss es nicht. Ich vermute nur - und das reicht mir schon, um nachts wach zu liegen.
Ja, ich bin immer wieder besessen. Und ich geniesse diesen Zustand. Erst spät habe ich gemerkt, dass diese Besessenheit mich ebenso belastet wie beglückt. Wahrscheinlich lässt sich meine besessenes Ich kaum psychologisch therapieren. Dazu macht dies alles zu viel Freude, um sie kaputt zu behandeln.
Das Gute daran? Sie ist freiwillig gewählt. Ich bin von Ideen besessen, von Visionen gefesselt und sehe ich mich dennoch als freien Geist.
Ich sehe Mutige.
Ich sehe Liebevolle.
Ich sehe Hoffnungsschaffende.
Ich sehe Hilfsbereite.
Ich sehe Humanisten.
Ich sehe Gemeinschaften.
Ich sehe Veränderungen zum Besseren.
Ich sehe Fairness.
Ich sehe Frieden.
Ich sehe Besessene.
Was um Himmelswillen ist nur los mit mir?
Viel. Und das ist gut so.



