Ziele setzen ist leicht. Ziele einhalten ist der Trick. Als ich zum ersten Mal für ein grösseres Projekt verantwortlich war, war der Projektplan das A & O. Also Anfang und Organisation. Eifrig begann ich Ziele in Aufgaben zu zerlegen und diese zu notieren. Aufgabe eins ist dies und das und fertig. Ich war stolz auf die fette lange Liste an Aufgaben. Bis jemand vom Team fragte: «Bis wann muss das erledigt sein?» Ach, Timing ist der Trick. Gib der Aufgabe einen Zeitrahmen mit Anfang und Ende. Oder einfacher gesagt: A und O. Genau dann beginnt die Uhr zu ticken. Und zwar rückwärts. Du hast X Tage Zeit um Y zu fertigzustellen.
So einfach ist das also?
Und dann kam der Tag des Erkennens, wenn der Timer auf die Null zulief. Na, Aufgabe erledigt? Und dann diese zwei Worte, die jedes Projekt zum Erliegen bringen: «Nicht ganz.»
Nun, Ontario und seine Regierung wollten dem Housingproblem ein Ende bereiten. Ergo mehr Housing und weniger Probleme. Der Premier von Ontario namens Ford (Ford, die tun was) war grosszügig beim Formulieren der Ziele für das Jahr 2025: 150’000 neue Wohnungen bauen.
Start. Januar. Ende: Dezember 2025.
Bravo, technisch einwandfrei für das Projektmanagement formuliert, Herr Ford.
Ein solch ambitioniertes Ziel zu erreichen hätte vielen verzweifelten Menschen geholfen, ein gutes Zuhause zu bekommen.
«Ford tat was!»
«Ontario hat ganze 58 Prozent des Ziels erreicht!» liest sich zwar auf den ersten Blick gut. Beim zweiten Hinsehen: «Moment mal, das ist nur knapp etwas über der Hälfte.
«Ist das Land ausgegangen? Das Geld? Die Lust am Bauen?
Nichts von alledem. Etwas viel Einfacheres: die Definition.
Irgendjemand hat sich diese publizierten fast sechzig Prozent des Wohnungsangebots angesehen, das hier als «58 Prozent erreicht» publiziert wurde. Grosszügig ist hier vor allem die Definitionsfreude der Regierung. Unter der Lupe sieht das erreichte Wohnungsangebot ein klitzeklein wenig anders aus, als die geneigten Ontarians wohl erwartet haben. Das Projektportfolio listet nicht nur die gebauten Wohnungen auf, sondern zählt Pflegeheime und Studentenzimmer ebenfalls mit. Seit wann ist eine Studentenbude oder ein Pflegezimmer zur ausgewachsenen Wohnung geworden?
Haben die sich mit Hilfe von KI oder selbständig entwickelt?
«Gut die Hälfte erledigt» ist eben auch nur eine Frage der Auslegung. Doch die unterschwellige Enttäuschung von Kanadier:innen lautet eher: «Wo blieben die restlichen 42 Prozent an Wohnungen?»
Nun, beim genaueren Hinsehen befinden sich diese 58 Prozente im Portfolio der grosszügigen Auslegung. Das von Ontario selbst gesetzte Ziel von 150’000 neuen Wohnungen für 2025 wurde ganz klar verpasst.
Global News wollte der Sache auf den Grund gehen. Sie haben ein Informationsgesuch gestellt und lasen in internen Dokumenten, das lediglich 13 Gemeinden die von der Regierung unter Premier Ford festgelegten Vorgaben erreichten.
Und was hat sich die findige Verwaltung ausgedacht, um die Sache besser aussehen zu lassen? Sie haben das Ziel neu definiert.
Man ändert nicht die Baustelle. Man ändert das Wort «Wohnung».
Zum Status von «Ziel erreicht» wurden neben regulären Wohnungsbaustarts auch Kellerwohnungen, Langzeitpflegeplätze, Altersheime und Studentenwohnheime dazugezählt.
«Klare Ziele haben, Bub» — hat mir keiner gesagt, dass man sie hinterher auch klar umdefinieren darf.



