Aus Blenden.
«Bist du immer noch traurig, Christian?» fragte mich eine sehr gute Freundin. «Nein, heute nicht. Ich habe das Problem zurzeit ausgeblendet.»
Ach ja, funktioniert das so einfach? Jein. Das Ausblenden — ich nenne es gern mein «Praktikum in angewandter Ignoranz». Denn was ich nicht sehen, verstehen oder zur Kenntnis nehmen will, das wird ignoriert. Das Problem wird aus dem Sichtfenster des Verstandes und allenfalls der Empathie entfernt. Nein, dazu braucht es weder KI noch Photoshop. Das geht viel einfacher mit dem Tool des Ausblendens.
Wer sich mit Blenden auskennt, ist entweder Fotograf oder Angeber. Allenfalls beides. Und die Auswirkungen sind lediglich für das Publikum unangenehm oder eben nicht.
Ich habe mit dem Ausblenden immer wieder grosse Mühe. Nicht, weil es anstrengend ist, denn auch hier macht die Übung den Meister. Aber die Idee, dass der Mechanismus irgendwann zur Routine werden könnte, das beunruhigt mich.
Wieso soll ich Themen, Probleme und Ereignisse aus meinem Verstand und aus dem Sichtfeld entfernen wollen? Ja, da gibt es schreckliche, nervige und verstörende Bilder, die sich in mein Sichtfeld drängen. Schliesslich kann ich nicht selektiv nur die positiven oder mir angenehmen Ereignisse aus dem Nachrichten-Schwall ziehen. Es gibt Ereignisse, die meine Vorstellungskraft eines normalen, durchschnittlichen Bürgers des Planeten Erde übersteigen. Vielleicht sind meine Vorstellungen viel zu übersteigert und sollten medikamentös behandelt werden. Beim Lesen mancher Nachrichten drängt sich nicht nur der Inhalt in meine Gedanken - dann wäre ich lediglich ein Aufnahmegerät. Manche Geschichten sorgen für grossen Aufruhr in der Synapsensuppe meines Gehirns. Die Assoziationen mit meinen Erfahrungen, die Kollisionen mit meiner Philosophie - das ist zu viel für einen frischen Morgen mit gut gebrautem Kaffee. Die klare Nachricht ist dennoch: Das kümmert die News nicht. Es sind reale Ereignisse, die den Empfänger der Nachrichten beschäftigen. Also mich.
Wäre nun der Zeitpunkt, um einige dieser Stories in den Ausblendemodus zu katapultieren? Will ich wirklich wissen, wie dreckig es den noch lebenden Menschen in Gaza geht? Will ich mir den Verlauf der Klimakatastrophe mit wild lodernden Wäldern so dramatisch ansehen? Will ich dem rasanten Abbau der fundamentalen Menschenrechte zusehen? Will ich die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder nur noch in düsteren Visionen in meinen Verstand gebrannt haben?
Dann alle fertigmachen zum gemeinsamen Ausblenden. Und: ACTION!
Ich kann das nicht.
Ich will das nicht.
Ich bin kein Blender.
Also: Einblenden. Mitdenken. Weiter. Natürlich geht mancher Morgen damit in die düstere Ecke und schmollt. Das ist mir egal. Schliesslich bin ich nicht der «Morgensumsiebenistdieweltnochinordnung»-Typ.
Na dann, was soll ich stattdessen tun? Na, das was der Mensch überall auf der Welt tut oder tun kann: Sich stellen.
Sich untereinander austauschen, sich organisieren und sich unterstützen. Ist das nicht der älteste Trick von Homo Sapiens — sich gemeinsam an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Bei Haarlosen empfehle ich Arme und Schultern. Die lassen sich gut und gerne ziehen.
Manchmal klappt es dennoch nur schlecht und recht, mit den News umzugehen, statt sie zu umgehen. Da habe ich inzwischen ein probates Mittel gefunden, um immer wieder positive und hoffnungsfördernde Einblendungen zu aktivieren.
Ausblenden von Dingen, die mir unangenehme sind. Oder von Dingen, mit denen ich mich nicht beschäftigen will oder kann. Ausblenden ist Ignoranz für Anfänger.
Die Flamingoproteste in Albanien.
Die ICE OUT Demonstrationen in Minneapolis und anderswo.
Die mexikanische Feuerwehr bei den kanadischen Waldbränden.
Der Fundus an Beispielen mit Lösungsansätzen ist riesig.
Und es macht Freude, diese Stories einzublenden.
Ich bin ein bekennender Blender.
Im Ein. Nicht im Aus.



