…dann wird der Applaus zum Statement. Wehe, ihr Hände, ihr klatscht für das Falsche.
Offene Hände klatschen gern und laut. Sofern das zu Applaudierende es auch wert war, den eigenen Händen etwas Schmerz zuzufügen. Ich applaudiere gerne. Sofern es die Sache wert ist. Ein fantastisches Gitarrensolo, eine witzig-überraschende Rede oder ein mutiges Statement verdient mindestens zwei Hände.
Begeisterte Hände schlagen sich auf die Innenseite, weil das Gesehene oder Gehörte so gut war. Und derart begeistert hat. Hände sind beifällig auffällig.
Die Beklatschten strahlen wie frisch poliert. Kein Honigkuchenpferd nötig – das Gesicht sagt alles.
Das Klatschen hat auch eine eher dunkle Seite.
Wenn es sich halbherzigund gezielt zu einer Klatsche verwandelt, dann wehe den Applaudierten. Solche Manifestationen sind toxisch und verletzen tief die eventuell vorhandene Seele.
Klatsche und Klatschen ergänzen sich selten.
Der Gipfel der Abneigung erreicht ein Publikum, wenn das Klatschen völlig aussetzt, sprich in den Streik tritt. Ein Tritt in den Hintern ist die schwache Variante der Verletzung, wenn die Zeitspanne des Applauses zur stillen Lücke wird.
Auweia, dann ging einiges schief.
Wer immer dieses Klatschen mit Händen zur App Laus erklärt hat, dem ist der Beifall sicher. Begeisterte, leuchtende Gesichter geben ihren Händen den Befehl - unbewusst meistens - sich zum gemeinsamen ineinanderschlagen zu vereinen.
Je länger der Moment dauert, desto strahlender werden die Empfänger:innen. Begeisterung braucht ein Ventil, um den eigenen Brustkorb von der aufgestauten Energie zu befreien.
Einige Szenen bahnen sich ihren Weg in meine Erinnerungs-Garderobe.
Wie oft sah ich Tänzerinnen im Ballett, Musiker:innen im Schweisse ihres Talents und Redner:innen beim Baden im eigenen Redefluss auf der Bühne stehen und den Klatschregen geniessen.
Taktvoller Beifall mit tosendem Dezibelerguss ist stets willkommen, wenn die geleistete Darbietung beim Publikum gut ankam.
Ich bin ein begeisterter Applaudierer bei Live-Auftritten. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie stressig und nervenzerreissend der Moment vor dem Auftritt sein kann. Brutal und schweisstreibend.
Magengrummeln ist nur das Vorspiel für den Albtraum bevor sich der Vorhang öffnet oder der erste Schritt vor eine Masse an Menschen getan wird.
Doch dann kommt der Moment der Abrechnung, wenn der letzte Ton, das letzte Wort und die letzte Bewegung vorbei ist.
Die Stille bis zum ersten Applaudierenden ist für den Künstler eine Ewigkeit.
Ein Moment des Fürchtens, ob überhaupt noch was kommt oder ob man sich still und heimlich auf der Bühne in Luft auflösen soll.
Donnergrollen sich bewegender Hände vernichtet die brutale Spannung zwischen Erwartung und Realität.
Uff, nochmal gut gegangen.
Ein andere Art von Applaus, sprich Zustimmung, sind diese Likes, die sich überall und gerne klicken lassen. Sobald der Zeiger der Maus auf dem Bildschirm sich diesem Daumenhoch-Icon nähert, ist Vorsicht geboten.
Wer will schon dem falschen Beitrag zustimmen?
Wer will in eine unerwünschte Ecke gerückt werden, weil der Finger zu schnell und das Denken zu langsam war?
Ich arbeite an einem privaten Experiment mit grossem Potenzial. Ich trainiere meine Finger inklusive des Mauszeigers, um vor dem Klicken den Prozess zu eröffnen. Also den Prozess des Denkens, was der nächste Schritt und Click bedeuten wird.
Ich stimme zu, weil ich ein Icon betätigt habe.
Beim Tüfteln an meiner ClickApp sind die Tücken schon aufgetaucht.
Die Hektik und das Tempo der sozialen Medien ist zu stark, zu forderend, um sich lange mit dem Denken beschäftigen zu wollen.
Damit tauchen aus dem Untergrund einige Fragen auf: Soll meine ClickApp das Tempo des Denkens steigern oder soll sie die Forderungen der sozialen Medien verlangsamen?
Für das Gemüt wäre die letzte Option bestimmt wohltuender.
Je länger ich mich mit dem Experiment beschäftige, desto weniger mag ich diese Medien mit dem anmassenden Label «sozial».
Nein, ich brauche keine ClickApp.
Ich brauche meinen natürlichen Verstand, der sich einfach die Zeit nimmt, um Dinge in Ruhe zuerst durch den Synapsenwald zu lenken.
Das wäre ein Gewinn für Hirn und Mensch, wenn beide mehr bewegt werden.
Nein, KI ist keine Lösung, sondern eine Imitation.
Das Denken, vor allem die kritische Variante, ist noch immer aufregend, wenn der eigene Verstand eine Lösung oder eine Idee entwickelt.
Mein Kopf ist noch immer ein Entwicklungsland.
Deiner auch?



