Der Stecker ist raus. Der Ofen ist aus.
So und ähnlich werden Beziehungen beendet. Die gute Zeiten von früher aus und in einer Beziehungen haben sich in den Ruhestand des Geschichtsbuches verabschiedet. Natürlich bleibt etwas Wehmut übrig. Schliesslich waren die Verbindungen sogar freundschaftlich geworden. Und das ist wahrscheinlich die beste Variante in einem Netzwerk der Verbindlichkeiten. Man hat sich ausgetauscht, sich gegenseitig geholfen, war immer für einander da und beide haben für eine respektvolle und fruchtbare Beziehung gesorgt.
Der Anfang und das Ende einer wundervollen Freundschaft sind süss und bitter.
Die Beziehung zwischen Kanada und den USA sind scheinbar nicht mehr süss. Sie wirken nur noch bitter.
Was ist denn hier passiert, dass sich dieses starke Nordamerikanische Bündnis mit Kanada von der Weltbühne verabschiedet? Als Frischling in Sachen kanadischer Staatsbürger bin ich kindlich neugierig und will der Sache auf den Grund und vielleicht dem einen oder anderen auf die Nerven gehen. Naja, das ist der Preis der Neugier.
Der hauptsächliche Grund des Streits ist ziemlich sicher, dass die eine Seite der Verbindung die Grenzen des anderen Landes in Frage stellt. Kanada und Kanadier sehen einen militärischen und wirtschaftlichen Koloss, der das flächenmässig zweitgrösste Land der Welt einverleiben wollen. Kanada soll der Name des 51. Bundesstaates der Vereinigten Staaten von Amerika werden.
So müssen sich vor über neunzig Jahren die Schweiz gefühlt haben, als sich Deutschland vom guten Nachbarn zum bedrohlichen faschsistischen Monster enwickelte. Keine schöne Vorstellung. Aus dieser Bedrohung entstand die Idee, dass die Schweiz den stachligen, wehrhaften Igel darstellt. Oder eben die Insel im Ozean von Europa.
Wir Kanadier sind die netten Amerikaner. So jedenfalls ging die Rede über den Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten. Kindness, also die Freundlichkeit der kanadischen Lebensweise ist unbestritten. Ich erlebe sie fast täglich. Aber ich habe auch einige Hockey Spiele gesehen. Und mich gewundert, wenn ich sympathische Freunde in Aktion auf dem Eis sah. Von Nettigkeit und Zuvorkommenheit war nichts mehr zu sehen. Da war eisige Kälte und Kampfeswille mit Hockeystick und Schlägen.
Reize niemals einen Kanadier.
Kanada ist mit den USA auf dem Eis.
Wir Kanadier ziehen viele Stecker raus. Die Steckdosen haben eines gemeinsam: Made in America.
Kanadier besinnen sich auf ihre eigenen Qualitäten und Möglichkeiten, mit dem Rest der Welt zu vernetzen. Also neue Steckdosen zu finden und der Maple Leaf Stecker zu sein. Der Premierminister Mark Carney ist seit Jahrzehnten mit der Welt vernetzt. Als ehemaliger Gouverneur der Bank von Kanada und der Bank von England war dies das Pflichtprogramm.
Die amerikanischen Steckdosen empfinden Kanadier nicht mehr als vertrauenswürdig.
Tod Maffin ist ein ehemaliger Host von CBC Radio und ein pfiffiger, erfindungsreicher witziger Mann. Mit seiner Frau Jocelyn bringt er immer wieder erfindungsreiche Projekte an den Start.
Die beiden haben «Unplug America» veröffentlicht — ein kostenloses, kategorisiertes Verzeichnis kanadischer Dienste, die die grossen amerikanischen ersetzen können. Von E-Mail über Karten bis zum Onlineshop. Zu jedem Eintrag: wem gehört die Firma wirklich, seit wann, und wie kanadisch ist sie tatsächlich.
Dann kam der Andrang. Und der Server ging in die Knie.
Ich finde das rührend. Anderswo brennen bei solchen Debatten Fahnen. Hier legt jemand eine Liste an, sorgfältig recherchiert, gratis, mit Quellenangabe — und ein halbes Land klickt gleichzeitig darauf.
Wegklicken ist auch eine Haltung. Man muss sie nur einmal ausprobieren.
Das Ehepaar Maffin hat Monate investiert, um kanadische Alternativen zu finden und sich von der Dominanz der riesigen Kraken aus Silicon Valley zu lösen. Auf https://unplug.todmaffin.com findet sich eine riesige Liste von Anbietern und die kanadische Alternative. Moment Mal, das ist nicht nur eine Auflistung, sondern eine liebevoll gepflegte Informationsseite. Jeder Eintrag zeigt, welche Verbindungen und welche Hintergründe das Unternehmen aufzuweisen hat. Die kanadische Flagge allein genügt nicht. Wer beispielsweise seine Daten in der Cloud parkiert, möchte wissen, in welchem Land diese nun liegen.
Das Motto des Projekts sagt es unverblümt: «Kanadische Alternativen, um die Daten über die Grenze nach Hause zu bringen.» Der Stecker ist raus. Die neue Steckdose: Made in Canada.



