Irgendwo in Sault Ste. Marie in Ontario spielt eine Band «Fat Bottomed Girls». Der Song ist so laut, dass die Skepsis sich selbst nicht mehr zuhört. Bürger stehen mit Getränkebons in der Hand und bilden eine Schlange. Die Kinder freuen sich aufs Gesichtanmalen und auf Minigolf.
Rund viertausend Menschen bewegen sich an diesem Abend durch den Häuserblock zum Stadion, wo die Greyhounds gegen die Saginaw Spirit antreten. Das Hounds Trikot hat eine legendäre Geschichte hinter sich. Immerhin habe einst Wayne Gretzky, Paul Coffey and Joe Thornton das Trikot getragen. Ein Stück Hockey-Adel, frisch gewaschen und gebügelt.
Der Gegner ist ein Team aus Michigan. Michigan in den United States of America. Michigan gegen Ontario, mitten im Zollstreit - und niemand im Stadion kümmert das wirklich. Kanada bleibt höflich, auch wenn die Zölle schmerzen.
Onkel Frank und das Kleingedruckte der Hoffnung
Frank DeMarco hält ein Plastikbecher-Bier in der Hand und verteilt Umarmungen wie andere Konfetti. «Uncle Frank» nennen ihn die Leute. Sein Vater kam 1965 aus Italien, verbaute Ziegel zu Häusern und brachte ein Rezept mit, das hier Chiff-Choff heisst. Chiff choff ist ein rustikales, würziges italienisch-amerikanisches Gericht, das durch langsames Anbraten von Hähnchen mit eingelegten, scharfen Kirschpaprika zubereitet wird, so kurz kulinarisch nebenbei erwähnt.
Der Sohn Frank wurde Lagerleiter bei Algoma Steel, dem glühenden Herzen der Stadt.
Zölle rauf, Restaurant auf - Frank eröffnete trotzdem, oder gerade deswegen DeMarco’s Boots & Saddles Roadhouse.
Dann kam die Dezember-Überraschung: Ein blauer Brief flatterte ins Haus. Nicht einer, sondern eintausend Briefe teilten trocken mit, dass im März nach der letzten Schicht der Arbeitsvertrag beendet ist.
Frank hat keine einzige Schicht verpasst.
Der blaue Brief und die Gemeindewahlen am 27. Oktober
Ein paar Strassen vom Stadion entfernt starrt man auf zugenagelte Fenster. Connie Raynor Elliott kennt sie alle. Ihre Organisation verteilt Essen und Kleider, und sie nennt ihre Kunden «Freunde», weil es den Kern besser trifft. Immerhin sind ihre Freunde in nur drei Jahren von 350 auf 600 angewachsen. Der Satz des Tages geht mir nicht aus dem Kopf: «Die Spender von früher stehen heute selbst in der Schlange.»
Herausforderer Joel Rowswell hat sich darauf konzentriert, das Verbrechen und die Unordnung zu beheben, die in sozial mageren Zeiten stärker in den Vordergrund treten. Joel hört an den Haustüren oft dieselbe Antwort und meint: Alle sind negativ drauf. Joel klingt wie ein Miesepeter. Oder wie einer, der als Einziger zuhört. An der Haustür ist der Unterschied schwer zu hören. Beides mag stimmen. Eine Stadt ist kein Slogan. Eine Stadt hat am 27. Oktober eine lokale Wahl in Sicht.
Wer leise bleibt, hat nicht zugestimmt
‘Und dann, über den Atlantik, dieselbe Frage in anderer Sprache.’
Am 27. September haben die Schweizer - auch ich - über die Neutralitätsinitiative abgestimmt. Die SVP wollte die «immerwährende und bewaffnete» Neutralität in der Verfassung festschreiben. Über siebzig Prozent der Schweizer Stimmbürger:innen sagten Nein. Kein einziger Kanton liess sich zu einem Ja hinreissen. Oha. Aussenminister Cassis fasste es nüchtern und ungefähr so zusammen: Die Schweiz sei gestern neutral gewesen, sei es heute und werde es morgen sein. Das Volk hatte also nicht gegen die Neutralität gestimmt, sondern gegen die unnötige Zuspitzung.
Das ist eine Form von Widerstand, die in keiner Schlagzeile Platz findet. Kein Trotz, keine Fahne, kein Geschrei. ‘Nur ein leises Nein zur grossen Geste. Dann geht man heim und lebt weiter.’
‘In Sault Ste. Marie trägt derselbe Widerstand einen anderen Namen: Weitermachen.’
Frank wollte sein Hockeyturnier im Januar absagen, nachdem so viele Leute ihren Job verloren. Das Spiel sollte Geld für junge Mediziner generieren, damit sie in der Stadt bleiben. Die Entlassenen kamen trotzdem und spendeten. Franke erzählte es mit zitternder Stimme, bevor er sich entschuldigte. «Times can be low», sagte er. «But we still come.»
Abends am Tisch rufen sie nach Big-Frank-Burgern und Franktastics, dem Cocktail aus Kokosrum und Ananas. Frank wischt sich die Stirn, trinkt Wasser und sagt: «Es ist ein langsamer Anstieg.»
Der Homo Sapiens reagiert oft nicht, wie die Prognosen von Experten voraussagt. Die menschliche Natur gehorcht keinem Orakel.
Friedlicher Widerstand hat stets eine süsse Beilage: Die Hoffnung.
Canadian main spans of the Sault Ste. Marie International Bridges in Sault Ste. Marie, Michigan and Ontario, viewed from the West Pier in 2025



