Wenn ich morgens um sechs die Nachrichten aus Nordamerika und Europa lese, dann sehe ich diese einen Meldungen aus dem ganzen Wust herausstechen. Die irrationalen, verrückten und unglaublichen Sätze aus dem Munde eines Pöblers, die von der Weltpresse auf die erste Seite gehievt werden. Die geäusserten Verrücktheiten sind zu attraktiv für die Klickraten und Abo-Verkäufe, um ignoriert zu werden. Normales ist langweilig, Sex, Crime und Madness sind Verkaufsschlager.
Da sitzt ein alter Mann am Schreibtisch vor einer aufgeklappten Schreibmappe. Er quietscht mit einem riesigen Filzstift eine Art Kritzelei auf das offizielle Papier. Das sei eine Executive Order, also eine Anweisung des Präsidenten. Anweisung? Das ist kein Gesetz, sondern eher eine Wunschliste des obersten Amtsinhabers.
Und die Schlagzeile? Lake Ontario heisst ab sofort Lake Amerika.
Diese Anweisung hat zwei Wirkungen. Die Unterzeichnung als Video-Inszenierung versetzt die Welt in ungläubiges Staunen. Der US Innenminister Doug Burgum soll, nein, muss alle offiziellen Verzeichnisse und Karten ändern. Lake Ontario gibt es nicht mehr in den Vereinigten Karten von Amerika. Es gibt ausschliesslich den Lake Amerika. Punkt.
Und Kanada? Der Premierminister Mark Carney erteilt offiziell ein wenig Geschichtsunterricht, speziell an den Präsidenten von Lake Amerika. Ja, in einfachen Worten.
Ontario ist ein Wort aus dem Irokesischen und bedeutet «See des glitzerenden Wassers». Die Geburt des Lake Ontario begann vor etwa 12’000 Jahren, als sich die Gletscher nach dem Ende der letzten Eiszeit freundlicherweise zurückzogen. Zurück blieb ein riesiges ausgeschürftes Becken, das mit Schmelzwasser gefüllt war. Seit Jahrtausenden lebten indigene Völker wie die Haudenosaunee an den Ufern des Lake Ontario.
Genug Geschichtsstunde. Zurück zur eigentlichen Frage: Wovon lenkt der Mann eigentlich ab?
Zuerst stelle ich mir die Frage: Wovon will dieser Mann die Amerikaner und den Rest der Welt ablenken? Ach ja, von diesen berühmt-berüchtigten Epstein Akten mit den geschwärzten Namen in den unveröffentlichten fast drei Millionen Dokumenten. Ich dachte: immerhin, die Namen der Mädchen sind geschützt. Dann die Korrektur: Nein. Geschützt sind die Täter. Die Opfer stehen mit vollem Namen da.
Ich fürchte mich etwas davor, diese Geschichten von geschändeten und misshandelten Mädchen, also Kindern, zu lesen oder zu hören. Beim Lesen von Virginia Roberts Giuffre ertrage ich jeweils nur eine halbe Stunde. Dann schäme ich mich, ein alter weisser Mann zu sein.
Die Ablenkung ist erfolgreich, solange die angepeilten Köpfe und Medien auf Pavlovsche Weise mitziehen. Ich will wissen, was in diesen geheimgehaltenen Epstein Akten steht. Und so will es die breite Öffentlichkeit, aber vor allem die Opfer der Verbrechen. Sie wollen, dass das zivilisierte Instrument der Justiz funktioniert und angewendet wird.
Je mehr ein Pöbler mit «noch nie dagewesenen» Dingen um sich schmeisst, umso interessanter wird die Epstein Lektüre. Dem Mann ist kein Manöver zur erfolgreichen Ablenkung zu teuer. Der Krieg mit Iran, der Drohung, Kanada zum 51. Staat von Amerika zu erklären, Grönland zu annektieren und so weiter. Hauptsache, der Blick des Publikums verlässt die Epstein Akten und wendet sich «wichtigeren» Dingen zu.
Auch die beste Ablenkung hat ein Verfallsdatum. Wenn die Realität mit dem Benzinpreis, der Inflation, hohen Lebenshaltungskosten in die Brieftasche der Bürger greift, dann wird das Bewusst zum Sein. Hart verdiente aber zu wenige Dollars sprechen eine eigene Sprache: Es reicht nicht mehr. Aber den Menschen reicht es. Mit gebrochenen Versprechungen, mit unhaltbaren Zuständen und mit Angst vor der Zukunft.
Ablenkung wirkt da nicht mehr so richtig.
Ich lenke mich morgen ab und fahre zu the Beaches am glitzernden Ufer von Lake Ontario. Jawoll.



