Im Sport der Pathie gibt es zwei Klassen zur Auswahl. Die eine ist weniger anstrengend, aber auch irgendwie langweilig. Die andere ist um einige Grade intensiver und kostet etwas, ist aber vielfältig.
Wer sich mit A-Pathie auskennt, wird sich jetzt bereits wegdrehen und sich wieder mit sich selbst beschäftigen. Das ist eine durchaus spannende Angelegenheit, in sich hineinzusehen und dem Echo zu lauschen. A-Pathist:innen spüren nicht weniger Welt — sie lassen einfach weniger davon rein. Wer mit Gefühlen täglich jongliert, wird sich etwas wundern, wenn diese bei anderen Menschen gar nicht erst auftauchen. Irgendwie ist das auch verständlich, wenn Emotionen der unerwünschten Art ausgeblendet werden. Wer will schon freiwillig und offen unter Gefühlsmomenten leiden wollen? Das Leben ist hart genug und Emotionen wollen dosiert eingesetzt werden. Bei der aktuellen Schieflage der Weltpolitik sind soviele Gefühle gefordert, da werden die Ressourcen sowieso etwas knapp.
Gefühle lassen sich schwer bändigen oder gar eliminieren. Die tauchen auf, wann immer es ihnen in den Kram passt. Und es ist völlig unerheblich, ob diese Emotionen überschäumend oder tieftraurig sind.
Sie kommen und bleiben.
Erstmal.
Wer sich mit M-Pathie auskennt, wird sich vorbeugen und sich fragen: Was kommt da jetzt um die Ecke? Und die Frage stellen: «Geht’s dir gut?» Wer mit M-Pathie zu kämpfen hat, kann sich dennoch glücklich schätzen. Meistens. Denn die M-Pathiesant:innen tauchen viel und oft. Ihre Leidenschaft und -bereitschaft machen sie zu Teilnehmern von Situationen, die entweder überschwenglich glücklich oder tieftraurig gestaltet sind. Das kann anstrengend sein, wenn man zur Fahrt mit der Gefühlsachterbahn eines Mitmenschen eingeladen wird. Denn das Tauchen in des anderen Gefühlswelt ist aufregend und hochprozentig emotional. In meiner Altersklasse werden häufiger Gefühle gefordert, wenn Freunde oder Familienmitglieder sterben oder schwer krank werden. Dann steigt die Nachfrage nach Schultern zum Anlehnen und Verständnis für die Tragik zu entwickeln.
Die M-Pathie ist extrem fordernd. Und genau das macht sie wertvoll.
Oh nein, dies ist kein Casting für A-Pathie und M-Pathie Besitzer. Dies soll eher eine Einladung sein, die Tür zu öffnen, statt sie zu versperren.
Immer wieder denke ich an die Zeit der COVID-19 Pandemie, als wir uns per Gesetz distanzieren mussten. Physisch, zumindest. Und genau in dieser unwirklichen Zeit von Angst und Panik zog sich M-Pathie die Schuhe an. Nachbarn und Freunde machten Besorgungen, hörten zu, fühlten die Ängste und verbreiteten Hoffnung und Zuversicht. Der Homo Sapiens wurde grundsätzlich so entwickelt. Nein, so hat er sich entwickelt.
Und heute leben wir in einer anders gearteten Pandemie, die sich mit dem Verbreiten auskennt.
«Wir und die» ist zum Kampfruf gegen Menschen geworden, die etwas anders aussehen, anders denken, andere Philosophien anhängen und ein anderes Lebens leben. Das Anderssein wird zum Angriffspunkt. Hass ist wieder salonfähig, und ich frage mich, wer ihm die Tür aufgehalten hat. Denn aus der Geschichte der Menschheit ist kaum ein Konzept bekannt, das auf solchen Antrieben erfolgreich war.
“Oh nein, jetzt kommt der olle Hippie wieder mit seiner Woodstock-Philosophie um die Ecke!»
Jaahaaa.
Ein Hurrah für die beteiligten M-Pathiesanten dieser Welt.
Und eine Einladung für die A-Pathiesanten, sich anzuschliessen.



