Es ist das erste Wort oder der erste Satz, den ich nach dem Aufwachen herumschwirren sehe.
Der zweite Gedanke? Kaffee! Starken Kaffee!
«180 Grad» tauchte am Horizont der Synapsenwelt auf. Ohne Erklärung, ohne Begründung, aber mit Ahnungen. Die kleine, leise Ahnung, weshalb sich diese beiden Worte die morgendliche Geschichte dominieren.
In den letzten zehn Jahren tauchte immer wieder diese eine Frage auf, die mich nicht mehr loslässt. Denn sie betrifft auch mich und bestimmt viele andere Menschen im alltäglichen Kampf, das Richtige zu tun. Das kämpferische Element hat mit den eigenen Vorstellungen über den Lebenswandel zu tun. Denke ich zumindest. «Ist mein Denken bei diesem Thema richtig?» Solche Fragen können ganz schön räuberisch werden, wenn es um den dringend notwendigen Schlaf geht.
Zurück zum 180 Grad-Begriff.
In der Praxis ist dies eine alltägliche Prozedur. Am häufigsten sieht man es bei Wanderern, Velofahrern und Autofahrern. Sie starten irgendwo mit dem Ziel nach irgendwo. Kaum sind sie da angekommen, haben ein paar Zeiteinheiten da und dort verbracht, dann drehen sie Körper, Fahrrad, Motorrad oder Auto einfach um 180 Grad und laufen, fahren oder fliegen in die entgegengesetzte Richtung.
Das nennt man Kehrtwende. Manche bezeichnen dies als Heimkehr oder Umkehr.
Soweit so bewegungstauglich und nachvollziehbar. Doch mir stossen die Kehrtwender auf, die sich mit dem Wenden von Charakter, Einstellung und Wertvorstellungen beschäftigen. Grundsätzlich finde ich es wertvoll, wenn einmal gefasste Meinungen korrigiert werden, weil neue Erkenntnisse dies erfordern. So weit, so wissenschaftlich. Etwas grenzwertig wird das Kehren in die genau andere Richtung, wenn andere Gründe als «nur» die Erkenntnis und das Wissen dies verursachen. Ich denke da an das politisch-motivierte Kehrtwenden.
Als Beobachter aus dem Norden von Amerika, also in Kanada, fallen ein paar Namen auf, die sich das Kehrtwenden auf die Fahne geschrieben oder gedruckt haben. Wahrscheinlich hat der Wind irgendwann gedreht und die Fahne richtete sich zuerst auf und dann danach.
Vor elf Jahren tauchte diese Gestalt mit dominierend orangener Farbe in Gesicht und Haaren in der US-Politik auf. Er wollte US-Präsident werden. Und das hat ein paar inzwischen bekannte Namen auf die Florida-Palme gebracht. Ein Politiker, inzwischen verstorben, nannte den Kandidaten verrückt, ungeeignet, unwählbar. Das war vor der Wahl. Nach der Wahl wurde Lindsey einer seiner engsten Verbündeten.
«Lügner und Narzisst» klebte ein weiterer Politiker an des Kandidaten Weste. Vor der Wahl. Nach der Wahl wurde Ted seine Unterstützer und Verteidiger im Senat.
Der Mann nannte den Kandidaten Hochstapler. Vor der Wahl. Nach der Wahl wurde Marco im letzten Jahr Aussenminister.
Die fette Schlagzeile lieferte dieser Politiker, als er den Kandidaten mit Hitler verglich. Vor der Wahl. Nach der Wahl 2024 wurde JD zum Vizepräsidenten gewählt.
Ja, es gibt viele dieser Kehrtwendungs-Vollzieher:innen. Das ist aber nicht das Thema an sich, das mich beschäftigt. Mich interessiert der innere Vorgang, also der Kampf im Oberstübchen, der zur 180-Grad-Wende geführt hat. Oder führen kann.
Wenn die Karriere auf dem Spiel steht, wenn man durch die eigene Haltung nicht mehr dazugehört oder wenn die Angst vor Racheakten die Oberhand gewinnt, dann kann die Meinung kippen. Verständlich genug. Ich meine, wir alle kämpfen immer wieder mit Ängsten in dieser Kategorie. Und unser wundervoll ausgestattetes Gehirn ist da oft keine Hilfe, um die persönlich gewählten Werte und Vorstellung über den Wandel im Leben zu bewahren. Doch der Blumenkohl im Kopf ist dennoch willens, mit Begründungen für den Sinneswandel auszuhelfen. Das ist eine wirklich nette Geste.
Wer an der Kreuzung der alteingesessenen eigenen Meinung steht, die durch den nächsten Schritt sich selbst überlassen wird, der wird keine ruhige Nacht verbringen. Schliesslich spielen da viele Dinge mit, um den geänderten Weg zuerst zu beschreiten und dann noch zu begründen. Die Rhetorik hilft gerne aus. Damit fällt es leichter, zum Kehrtwender zu werden. Schliesslich liegt die Erklärung logisch und nachvollziehbar auf dem Tisch.
Ist dies nun opportunistisch oder einfach nur pragmatisch, wenn alte Wertvorstellungen den Weg über Bord gehen müssen? Ich weiss es nicht. Aber ich erinnere mich - sehr ungerne - über manche meiner Wendungen, auf die ich überhaupt nicht stolz bin. Beim Nachdenken über meine veränderte Handlungsweise fragte ich mich, ob ich die Begründung oder besser Rechtfertigung vor oder nach der Entscheidung im Koffer hatte?
Was ich aber immerhin lernte: Der Preis für die 180 Grad-Wanderung ist zu hoch. Wenn meine Entscheidung anderen Menschen schadet - psychisch vor allem - dann kann ich das nicht begründen. Wenn ich meine Meinung gegen meine hippie-eske Philosophie in den Papierkorb werfe, dann kann ich das nicht rechtfertigen. Schliesslich habe ich mir meine Einstellung zum Leben und zu Lebewesen irgendwann über die letzten 71 Jahre erarbeitet. Inklusive unerwünschter Kehrtwendungen.
Ich habe mich nicht gut gefühlt dabei.
Manchmal stelle ich mir Gespräche beim Abendessen in Familien vor, wenn Kinder und Ehepartner das politische Familienmitglied mit Fragen zu löchern beginnen. Wie muss sich dieser Mensch fühlen, wenn er der Familie plausibel seine Handlungen erklären soll?
Oder noch schlimmer, wenn sich der Mensch selbst erklären will, wieso die Entscheidung so und nicht anders ausgefallen ist?
Verdammt nochmal, es ist schwer und gefährlich, sich auf dem Pfad der Menschlichkeit zu bewegen.
Aber unter dem Strich: besser als die Alternative.



